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Händels „Alcina“ in Karlsruhe : Und mit dem Liebhaber verlor sie fürwahr auch ihre Zauberkraft

  • -Aktualisiert am

Wo, bitte, ist hier der Fluchtweg? Liebe in Händels Oper „Alcina“ mit Layla Claire in der Titelpartie und David Hansen als Ruggiero Bild: Felix Grünschloß

Ach, mein Herz: Bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe sorgen die Gesten der Abwehr für einen ruppigen Bewegungsablauf.

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          Einsam steht sie auf der Bühne, in düster graues Licht getaucht, vor Schmerz fast zur Statue erstarrt, und richtet mit ihrem perfekt geführten Sopran ihre Arie „Ach, mein Herz“ frontal ans Publikum: Layla Claire verkörpert in Händels Zauberoper „Alcina“ die Titelrolle und wird mit dieser sarabandenartigen, nur mit Streichern begleiteten Klage zum Inbegriff der verlassenen Frau. Eigentlich wünschte man sich, der Akt wäre danach zu Ende, aber Alcina muss wenig später, in einer jetzt Blitze schleudernden Bravourarie noch erkennen, dass sie nicht nur ihren Liebhaber Ruggiero, sondern auch ihre Zauberkraft verloren hat. Da ist sie aber schon nicht mehr allein auf der Bühne, wird vielmehr von den herbeigerufenen „bleichen Schatten“ ihres Gefolges aufgenommen. Alcinas große Trauerarie im zweiten Akt ist das Herzstück der Oper und mit der Tonart g-Moll auch ein musikgeschichtliches Scharnier: Mozart muss sie im Ohr gehabt haben, als er die Arie „Ach, ich fühl’s“ für seine Pamina schrieb.

          Bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe wird der Begriff „Verkörperung“ zum Ausgang eines ästhetischen Konzepts. Der junge amerikanische Regisseur James Darrah, der hier mit seinem Deutschland-Debüt buchstäblich aus einer neuen Opernwelt auftaucht, ist auf den ersten Blick ein radikaler Verweigerer, denn er verzichtet auf jeden naheliegenden, barocken Bühnenzauber und auf jede äußere Handlung.

          Sparsamer könnte das Bühnenbild des ebenfalls amerikanischen Ausstatterpaares MacMoc Design nicht sein: zwei Wände, deren Fresko-Bemalung schon ziemlich abgeblättert ist, und ein Vorhang aus langen Stoffstreifen. Alles Äußere – wie das Meer, das Bradamante (Benedetta Mazzucato) und Melisso (Nicholas Brownlee) auf Alcinas Insel spült, und die Tiere, in die Alcina ihre abgelegten Männer verwandelt –, wird in dezenten Videoprojektionen von Adam Larsen angedeutet. Erfüllt wird die leer geräumte Bühne allein durch die Protagonisten. Ihre Auftritte und Arien inszeniert Darrah als choreographiertes Körpertheater. Liebe, Eifersucht, Rache, Kampfeslust, Treue – alle Affekte der Musik werden in Körpersprache übersetzt, in Körperpyramiden, Zweikämpfe, Ausdruckstanz und Ballett, Rückenansichten, Gesten der Kontaktsuche und Gesten der Abwehr. Die komplizierten und oft gegenläufigen Beziehungen zwischen den Paaren spiegeln sich in einem Bewegungsablauf, in dem die Personen regelmäßig den Halt verlieren und irgendwann auf dem Boden landen – kniend, hockend, liegend.

          Der Zauber dringt aus dem Orchestergraben

          Was Darrah und sein Assistent David Laera damit zeigen, ist eine existentielle Verunsicherung, denn am Ende weiß keiner mehr, woran er wirklich ist – ein zugespitztes, modernes Psychodrama über die Illusion der Gefühle.

          Andreas Spering am Pult der Deutschen Händel-Solisten ist der Impulsgeber dieser Inszenierung. Ohne jede Manieriertheit hebt er die emotionalen Verwicklungen in Händels Musik hervor und findet für jedes Stadium zwischen den Extremen „furioso“ und „desolato“ einen eigenen Ton. Händel selbst kommt ihm dabei zu Hilfe, denn der Komponist hat seine „Alcina“ instrumental außerordentlich reich ausgestattet, so dass der Zauber, der manchen Zuschauern vielleicht auf der Bühne fehlt, aus dem Orchestergraben dringt: berückend schön sind die Arien mit solistischer Begleitung von Violine, Violoncello und Flöten, warm intonierte Naturhörner unterstreichen Ruggieros Entschluss, von der Insel zu fliehen, und die tänzerische Barockoboe ist das Instrument der Liebe Morganas. Nicht nur einmal unterstreicht Spering Händels Nähe zu Mozart, zumal in Alcinas selbstmörderischer letzter Arie mit einem dramatischen Trugschluss, der dem Zuhörer selbst den Boden unter den Füssen wegzog.

          Warum den Kopf so geneigt?

          Was Händel seinen Gesangssolisten in dieser Oper abverlangt, ist ein Maximum an Gesangskunst, auch in den kleineren Rollen, etwa Obertos mit der souveränen, koloratursicheren Carina Schmieger. Bis auf die Morgana mit Aleksandra Kubas-Kruk, die mit Intonation und Höhe ihrer Partie noch ein wenig zu kämpfen hatte, präsentieren die Händel-Festspiele ein glänzendes Gesangsensemble mit dem gefeierten australischen Countertenor David Hansen in der mörderischen Partie des Ruggiero. Allein sieben Arien hatte er zu absolvieren, wobei jede eine Steigerung der vorangehenden ist, bis die Stimme in stratosphärischen Höhen landete.

          Warum er diese gesangstechnischen Herausforderungen allerdings meist mit geneigtem Kopf und ein wenig in sich zusammengekrümmt darbietet, so dass seine Stimme auch ein wenig gepresst wirkte, bleibt ein Rätsel.

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