https://www.faz.net/-gqz-aajh9

Oboist im Gespräch : Von wegen hart und patzig

  • -Aktualisiert am

Albrecht Mayer ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Bild: Christoph Köstlin

Wie hat es damals geklungen? Albrecht Mayer ist Oboist der Berliner Philharmoniker und spricht über Mozart, das Ideal der Barockoboe – sowie die Vorzüge des Alters.

          4 Min.

          Im Booklet Ihrer neuen CD schreiben Sie, dass Sie erst jetzt, nach vielen Jahren, in der Lage seien, die Besonderheit von Mozarts Musik zu erfassen. Sie haben 2004 mit Claudio Abbado das C-Dur-Oboenkonzert von Mozart aufgenommen, was war jetzt anders?

          Jeder findet einen Zugang zu Mozart, wenn er sich emotional auf seine Musik einlässt. Um Mozart wirklich zu verstehen, muss man aber auch eine große Recherche hinter sich haben und seine Zeitgenossen studiert haben. Dafür braucht man ein paar Jahrzehnte.

          Man lernt Mozart schätzen aus dem Vergleich mit seinen Zeitgenossen?

          Man muss die Alternativen kennengelernt haben, um zu wissen, wie gut etwas ist. Meine Schwiegermutter (die Frau des ehemaligen Solo-Flötisten der Berliner Philharmoniker, Andreas Blau, Anm. d. Red.) geht seit vielen Jahren in Konzerte unseres Orchesters und erst, als sie einmal ein anderes Orchester hörte, meinte sie zu mir: „Jetzt weiß ich erst, wie gut ihr wirklich seid!“

          Worin ist Mozart so besonders gut?

          Vielen Komponisten fallen schöne Melodien ein. Der Unterschied beginnt bei der weiteren Verarbeitung: Was macht der Komponist mit seiner Melodie. Mozart scheint das sehr leichtgefallen zu sein. Scheinbar mühelos gelang ihm, was vielen seiner Zeitgenossen deutlich schwerer fiel: seine melodischen Einfälle zu einem großen, harmonischen Ganzen weiterzuverarbeiten.

          Mozarts Mühelosigkeit steht in Ihrem Fall ein Instrument gegenüber, das zu den anstrengendsten und technisch problematischsten zählt. Empfinden Sie diesen Zwiespalt?

          Mozart hat die Oboe sehr gerne gemocht. Die Flöte, auf der sich deutlich müheloser und virtuoser spielen lässt, mochte er bekanntlich nicht so sehr. Warum? Weil genau dieses „per aspera ad astra“, dieses Sich-Quälen, um zu etwas Schönem zu kommen, ihm offenbar viel bedeutet hat. Wenn Mozart selbst Streichquartett spielte, griff er gerne zur Bratsche. Er mochte wohl Instrumente, die beim Spielen einen gewissen Widerstand, eine gewisse Mühe bereithalten.

          An welchen Stellen setzt Mozart die Oboe gerne ein?

          Wenn es elegisch wird. Darin ist Mozart übrigens vielen anderen Komponisten ähnlich, die gut instrumentierten. Das elegische Moment der Oboe ist sehr auffällig und kann sich auch in einzelnen Haltetöne ausdrücken, die durch den Orchesterklang hindurchscheinen oder die sich in einer klagenden Intensität gegen den Ensembleklang durchsetzen müssen. Für das Lustige ist eher die Klarinette zuständig, für das Virtuose die Flöte.

          In der Instrumentationslehre von Hector Berlioz, die später von Richard Strauss ergänzt wurde, wird hingegen eher auf die humoritische Veranlagung des Instruments verwiesen.

          Richard Strauss schreibt: „In der Höhe ist die Oboe scharf, dünn und schneidend und in der Tiefe hart und patzig.“ Diese ungute Beschreibung lässt meiner Meinung nach eher Rückschlüsse zu, was für Oboisten Strauss selbst als Dirigent kennengelernt hat. In vielen seiner Werke hat Richard Strauss hingegen die schönsten Melodien der Oboe anvertraut, wobei er seine Partien für ein Instrument schrieb, das sich aus der Oboe der Mozart-Zeit entwickelt hat. Dieses Instrument wird heute nur noch in Wien gespielt, während sich sonst die französische Oboe durchgesetzt hat. Und wenn man diese Wiener Oboe hört, wie sie etwa bei den Wiener Philharmonikern noch verwendet wird, dann merkt man, dass die Tiefe überhaupt nicht „hart und patzig“ ist, sondern unglaublich weich, anschmiegsam und flexibel. Das relativiert Strauss’ Beschreibung meiner Ansicht nach sehr.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Charakterkopf am Pult

          Zum Tod von Bernard Haitink : Charakterkopf am Pult

          Er entsprach nicht dem Klischee eines Pultstars und war doch ein Dirigent, dem sich die Orchester anvertrauten und der in der Strenge auch Leidenschaft zeigte: Jetzt ist Bernard Haitink nach einer langen, großen Laufbahn gestorben.

          Topmeldungen

          Gedenken an die 2018 ermordete Holocaust-Überlebende Mireille Knoll in Paris vor deren Wohnung in Paris

          Mord an Mireille Knoll : „Weil sie eine Jüdin war“

          Der Mord an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll hat Frankreich tief erschüttert. Seit Donnerstag muss sich der mutmaßliche Haupttäter, ein junger Mann algerischer Herkunft, dafür vor Gericht verantworten.
          Der britische Fischkutter „Cornelis Gert Jan“ im Hafen von Le Havre. Französische Behörden haben ihn wegen Fehlens einer gültigen Lizenz festgesetzt.

          Britischer Kutter festgesetzt : „Es ist kein Krieg, aber ein Kampf“

          Frankreich hat einen britischen Fischkutter in Le Havre festgesetzt, weil er keine gültige Lizenz hatte. London verstehe nur die Sprache der Härte. Die britische Seite kündigt Vergeltungsmaßnahmen an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.