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Oboist im Gespräch : Von wegen hart und patzig

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Hört man alte Aufnahmen, auch der Berliner Philharmoniker, neigt man dazu, Strauss recht zu geben. Ein weicher, auf Mischfähigkeit abzielender Klang der Oboe, wie er in den meisten deutschen Orchestern gepflegt wird, ist ein relativ junges Phänomen, das sich erst seit den sechziger Jahren durchsetzte.

Nimmt man die Barockoboe, ist das Phänomen des weichen Klangs eigentlich so alt wie die Oboe selbst. Als instrumentale „vox humana“ bietet sie über alle Lagen hinweg einen wunderbar weichen Klang. Durch die Weiterentwicklung des Instruments nahm diese Charakteristik ab, Schneidendes und Hartes kam in den Oboenklang.

Die Oboenbauer derzeit lassen sich wieder von der Barockoboe inspirieren. Sie selbst haben ein Instrument mitentwickelt, dessen Schallbecher dem einer Barockoboe ähnelt. Was für eine Wunschvorstellung hatten Sie bei der Entwicklung Ihres Instruments?

Ich bin groß geworden mit dem Ideal von Heinz Holliger. Ich habe sein Spiel immer weiter verehrt, mich klanglich aber davon entfernt, hin zu einem weicheren, weniger obertonreichen Klang, wie er der menschlichen Stimme ähnlich ist. Ich ließ mich mehr von Sängern inspirieren wie Cecilia Bartoli, Matthias Goerne oder Fritz Wunderlich und von Instrumentalisten wie Daniel Barenboim. Etwa wenn er ein Mozart-Klavierkonzert spielt: So möchte ich auch gerne auf der Oboe spielen. Dazu muss man ein Stück weit von dem Oboenspiel wegkommen, wie es früher oft gelehrt wurde, mit hoher Körperspannung. Ich habe mich stattdessen am Spielgefühl auf der Barockoboe orientiert: möglichst offen und entspannt zu sein beim Spielen und so wenig Widerstand zu haben im Instrument und im Mundstück, dass ich mit dem Körper überhaupt arbeiten kann. Und dass ich nicht gegen einen Widerstand arbeiten muss.

Mit fünfundfünfzig Jahren sind Sie in einem Alter, in dem viele Ihrer Kollegen ihren Zenit schon überschritten haben. Spüren Sie das Alter?

Je älter ich werde, desto mehr muss ich üben. Wobei es sich vor allem um ein Training der Muskulatur handelt, die ich zum Spielen brauche. Die geistige Überlegenheit ist mit dem Alter gewachsen, und das hilft unglaublich. Vieles, was früher sehr anstrengend für mich war, kann ich jetzt relativ mühelos spielen. Der Geist beherrscht den Körper. Und bei der Oboe muss der Geist besonders frisch und kontrollierend bleiben, sonst kollabiert der Körper.

Zur geistigen Überlegenheit gehört bei Mozart auch die Kenntnis unterschiedlicher Interpretationsstile. Wer hat Sie denn besonders beeinflusst?

Ich habe über fünfundzwanzig Jahre immer wieder mit Nikolaus Harnoncourt zusammengearbeitet, aber auch mit John Eliot Gardiner, Ton Koopman und Trevor Pinnock. Ich habe einiges mitbekommen an sogenannten „Originalinterpretationen“. Gleichwohl hat mir Harnoncourt kurz vor seinem Tod gesagt: „Herr Mayer, wir wissen eh nicht, wie es damals geklungen hat.“ Ich halte es mit Claudio Abbado, der meinte: Erst wenn man alles weiß, kann man sich auch über das Wissen hinwegsetzen. Harnoncourt, der im Interpretationsstil ja eine Art Antipode war zu Claudio Abbado, hat eigentlich jedes Jahr seine Meinung geändert. Und er hat seine Meinung immer begründen können. Fand ich super. Nach Harnoncourt gibt es bei Mozart nichts mehr, was es nicht gibt.

Albrecht Mayer ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Gerade hat er eine neue CD der Musik von Wolfgang Amadé Mozart gewidmet. Wir trafen ihn in Berlin.

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