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Oper „Beatrix Cenci“ : Auf dem Schlachtfeld des weiblichen Körpers

  • -Aktualisiert am

Lüge, Hass und Perversion: Leticia de Altamirano sind in der Titelpartie keine menschlichen Abgründe fremd. Bild: Klara Beck

In „Beatrix Cenci“ zeigt der argentinische Komponist Alberto Ginastera die Abgründe menschlichen Verhaltens. Auf dem Arsmondo-Festival in Straßburg erlebt die letzte seiner drei Opern ihre Erweckung.

          Schrecklicher geht es kaum: Eine junge Frau wird von ihrem Vater aus Macht- und Besitzgier vergewaltigt; sie lässt ihn von gedungenen Mördern umbringen und wird schließlich selbst zum Tod verurteilt und hingerichtet. Den argentinischen Komponisten Alberto Ginastera trieben Geschichten dieser Art um. Alle Werke, die er für das Musiktheater schrieb, beziehen aus abgründigem menschlichen Verhalten ihre Wirkung. „Beatrix Cenci“ ist die letzte und am dichtesten gewirkte seiner drei Opern. Uraufgeführt 1971 in Washington und erst 2000 in Genf zum ersten Mal auf einer europäischen Bühne zu sehen, hatte sie das Dornröschen-Schicksal vieler Auftragswerke ereilt. Nun scheint die Zeit der Erweckung gekommen. In der Straßburger Oper offenbart eine neue Inszenierung, dass Ginastera aus Machtmissbrauch, Gewalt, sexueller Perversion, Lüge und Hass ein Kunstwerk zu machen verstand, das uns sofort packt – heute erst recht.

          Der steinreiche Renaissance-Magnat Francesco Cenci war ein potenter Financier des Vatikans, durch seinen Tod versiegte der Geldfluss. Papst Clemens ließ dessen Tochter und zweite Frau als Anstifterinnen zum Vater- und Gattenmord dem Schafott zuführen, wohl auch um zu vertuschen, dass er dem abartigen Lebenswandel des Grafen allzu lange zugesehen hatte, ohne einzugreifen.

          Vorahnung der Gewaltherrschaft

          Das Schicksal der römischen Adelsfamilie hat immer wieder Schriftsteller inspiriert, auch Komponisten wie Berthold Goldschmidt. Ursprünglich wollte Ginastera das Theaterstück „Les Cenci“ von Antonin Artaud, der sich seinerseits bei Shelley und Stendhal Anregungen geholt hatte, als Vorlage verwenden. Weil Artauds Erben den Text jedoch nicht freigaben, ließ er sich eine neue Fassung des Stoffes in spanischer Sprache erstellen. Während William Shand, Theaterautor mit schottischen Wurzeln, hauptsächlich die dramatischen Passagen lieferte, steuerte der Dichter Alberto Girri recht starke, intellektuell überhöhte poetische Bilder bei, die es ermöglichen, tiefer in die Psyche der insgesamt recht holzschnitthaft angelegten Figuren vorzudringen.

          „Beatrix Cenci“ eröffnet nun markant das Straßburger „Arsmondo“-Festival, das in diesem Jahr Argentinien gewidmet ist. Der ebenfalls aus Argentinien stammende Regisseur Mariano Pensotti verlegt die Handlung – auf einer knarzend sich bewegenden Drehbühne – in die Gemächer eines Palastes, der im Stil der späten sechziger Jahre eingerichtet wurde. Das verweist auf die Epoche der Entstehung von „Beatrix Cenci“. Die Diktatur des Militärs Juan Carlos Onganía (1964 bis 1970) vermittelte seinerzeit eine Vorahnung von der noch weit grausameren Gewaltherrschaft nach dem Videla-Staatsstreich von 1976. Die Onganía-Diktatur hatte nach der amerikanischen Uraufführung der Vorgänger-Oper „Bomarzo“ (1967) eine Folgevorstellung des Stücks in Buenos Aires hintertrieben, wegen vorgeblichen pornographischen Inhalts, weshalb Ginastera weitere Aufführungen seiner Werke in Argentinien untersagte. „Beatrix Cenci“ wurde 1971 in Washington als Auftragswerk zur Eröffnung des John F. Kennedy Center for the Performing Arts uraufgeführt.

          Atmosphäre der Beklemmung

          In Pensottis Inszenierung wird die junge Patrizierin am Schluss vor ihrer Hinrichtung von dem roboterhaft auftretenden Chor wie in einem Schlachthaus als ein Stück Fleisch hin- und hergeschoben – ein mehr als drastischer Hinweis auf das industrielle Töten der bis 1983, dem Todesjahr des Komponisten, wütenden argentinischen Junta. Pensotti ließ der Titelfigur Beinschienen anlegen und präsentiert sie als behindert, damit als besonders verwundbar und wehrlos. Er betrachtet den weiblichen Körper, wie er selbst sagt, als „Schlachtfeld“, auf dem Konflikte um die Macht über den Mitmenschen ausgetragen werden.

          Mit seiner multitonalen, neoexpressionistischen Kompositionstechnik, vor allem mit Hilfe des üppig besetzten Schlagzeugs, erzeugt Ginastera fast durchgängig eine Atmosphäre der Beklemmung. Scheinbar unbeschwerte Passagen, wie etwa Tanzmusiken nach Renaissance-Art, münden unausweichlich in das Chaos barbarischer Cluster. Die Aufteilung des neunzigminütigen Einakters in vierzehn kurze Szenen gibt der Handlung einen sprunghaften, filmschnitthaften Effekt, der in der Inszenierung noch durch großformatige Video-Einspielungen verstärkt wird.

          Mit dem konzentriert spielenden Orchestre philharmonique de Strasbourg umschifft der Dirigent Marko Letonja mit sicherer Hand und elastischer Gestik in der zumeist martialisch aufgeladenen, nur selten verhaltenen Musik geschickt die Brüche, welche die komplexe Partitur, durch die episodenhafte Aneinanderreihung der Bilder, nahelegt. Hingebungsvoll gestaltet die mexikanische Sopranistin Leticia de Altamirano die mörderische Titelpartie, präzise und zuverlässig in allen Registern, mit wohldosiertem Vibrato, das die innere Erschütterung der Figur glaubhaft spüren lässt. Der albanische Sänger Gezim Myshketa wirkt in der Rolle des Wüstlings Cenci anfänglich etwas steif, sein Bariton noch belegt und ungefügig, schließlich findet er zu subtilerer Stimmführung. Die Mezzosopranistin Ezgi Kutlu spielt als Beatrix’ Stiefmutter Lucrecia ihre schöne Tiefe aus. Ausdrucksstark und stimmschön füllt die Brasilianerin Josy Santos die Hosenrolle des Beatrix-Bruders Bernardo aus. Der Chor der Straßburger Oper, der gleich zu Beginn des Stücks Francesco Cenci als „diabolische Verkörperung seiner Epoche“ und als „ruchlosen Wegbereiter künftiger Zeiten“ brandmarkt, überzeugt durch große Zuverlässigkeit.

          Ginasteras Oper aus einer Zeit, in der die Verrohung im gesellschaftlichen Umgang, staatlich verordneter Mord und die Verachtung humaner Werte die Oberhand gewannen, wirkt heute geradezu prophetisch. Man muss nicht einmal auf unberechenbare, skrupellose Figuren des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hinweisen um die bedrückende Atmosphäre, in die Ginastera seine Oper taucht, als aktuell zu empfinden.

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