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Chefdirigent Alan Gilbert : Kann Hamburg so zur Musikweltstadt werden?

  • -Aktualisiert am

Alan Gilbert, neuer Chefdirigent der Elbphilharmonie, im Mai bei einer Generalprobe im Konzerthaus Bild: dpa

Alan Gilbert tritt sein Amt in der Elbphilharmonie an und steht vor der Aufgabe, die ewige Hoffnung zu erfüllen, Hamburg zur Musikstadt im Weltmaßstab werden zu lassen. Unterdessen pappt sich die Staatsoper „Die Nase“ auf.

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          „... klingt nach Gilbert“ steht allüberall in Hamburg auf Werbe-Displays unter dem Bild eines dreitagebärtigen Mannes vor mal rotem, mal blauem, mal grünem Hintergrund. „... klingt nach Gilbert“ steht auf den Eintrittskarten. „...klingt nach Gilbert“ lautet das Motto eines dreiwöchigen Festivals, das „Vielfalt, Neugier und spannende Begegnungen“ verspricht. Einer, in dessen Ohren der „Klingt nach Gilbert“-Slogan allerdings nicht sonderlich gut klingt, ist Alan Gilbert, der neue Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters.

          Er soll die ewige Hoffnung erfüllen, Hamburg zur Musikstadt im Weltmaßstab werden zu lassen und das Orchester endlich, endlich in die Spitzenklasse zu führen. Einer seiner Vorgänger, Christoph von Dohnányi, hatte es vor einigen Jahren, als es noch das NDR Sinfonieorchester Hamburg war, süffisant als Ensemble der Klasse „Eins B“ eingestuft.

          Nun also soll es zum klingenden Wahrzeichen der „Elphie“ werden, in der jüngst das tausendste Konzert stattfand – und am vergangenen Freitag das erste des laut, lauter und noch lauter umjubelten neuen Chefs, dessen Musikauswahl im Programmheft als ein „erlesen gemixter Cocktail“ entwürdigt wird. Dass zudem sein Vorwort zum Amtsantritt mit Lobesfloskeln einiger seiner Orchesterkollegen aufgehübscht wurde, die sein „Charisma“ oder sein „hochprofessionelles Arbeiten“ rühmen, hat den schlechten Geruch von Selbstlob.

          Wie unnötig. Die Bereitschaft von Orchester und Dirigent, sich ineinander zu verlieben, ist groß. Neu zu verlieben. Gilbert kennt das Orchester schon seit achtzehn Jahren. Zwischen 2004 und 2015 war er in Hamburg als Erster Gastdirigent tätig. In der Saison 2009/2010 übernahm er als Nachfolger von Lorin Maazel für acht Jahre die Leitung des New York Philharmonic Orchestra, in dem sein amerikanischer Vater und seine japanische Mutter als Geiger spielten.

          Beim Rückblick auf seine in New York geleistete Arbeit fand er besonderes Lob für eine Arbeit, die von ihm in Hamburg erhofft wird: für ein eher konservatives Publikum die Brücken zwischen einer „verklärten Vergangenheit“ und einer „schwer verständlichen Gegenwart“ zu bauen. Zu zeigen, dass ein klassisches Orchester „relevant to the ongoing culture“ sein muss.

          Mit einer halbszenischen Aufführung von György Ligetis grandioser Farce „Le Grand Macabre“, die zu seinen ersten kühnen Taten in New York gehört hatte, gab er im Mai 2019 auch sein Vor-Debüt mit einer für die Elbphilharmonie eingerichteten Fassung: ein bedeutender Erfolg im doppelten Sinne, weil die Eignung des Saals für eine akustische Großinszenierung deutlich wurde.

          Das erste Konzert war wohl als ein Testlauf gedacht, um herauszufinden, wie weit man in Hamburg mit modernistischen „Zumutungen“ gehen kann. In der ersten Symphonie von Johannes Brahms – welch ein Koloss zum Auftakt! – war zu spüren, unter welch ungeheurem Erwartungsdruck das Orchester stand; erst beim Übergang in den Finalsatz mit dem wundersamen Hornmotiv fand es zu einem gelösten Musizieren.

          Der zweite Teil brachte zunächst ein von Gilbert angeregtes und vom NDR in Auftrag gegebenes Werk der in Berlin lebenden südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin. Ihr „Frontispiece for orchestra“ ist, so weit sich das beim ersten Hören erschließt, ein faszinierendes Palimpsest, mit dem „Schlüsselwerke der Orchestermusik verschiedener Epochen evoziert, miteinander verwoben und in neue Formen gegossen werden“ (Chin).

          Eine Nase an der Fassade der Staatsoper

          Nachhaltigen Eindruck hinterließ die Aufführung von Leonard Bernsteins erster Symphonie: „Jeremiah“, die Gilbert, wie er in einer kurzen Ansprache erzählt, schon vor achtzehn Jahren mit dem Orchester gespielt hatte. Geschliffen das virtuose Vivace con brio des zweiten Satzes (Profanation), ergreifend die von Rinat Shaham mit Inbrunst gesungenen Lamentationen des Propheten. Zum Mittelpunkt wurde im dritten Teil des Konzerts Charles Ives „The Unanswered Questions“ – mit der siebenmal wiederholten, von der Trompete gestellten „immerwährenden Frage des Seins“, auf die ein Flötenquartett keine Antwort findet.

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