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Chefdirigent Alan Gilbert : Kann Hamburg so zur Musikweltstadt werden?

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Zur virtuosen Tour de Force geriet Edgar Varèses „Amériques“: das für ein gewaltig erweitertes Orchester geschriebene „Lärmbild“ der Großstadt New York. Was bei der akustischen Materialschlacht nicht immer deutlich wurde, waren die Kontraste von höllischen Klängen – etwa dem Glissando-Heulen von sich nähernden und entfernenden Feuerwehr-Sirenen – und himmlischen Lyrismen. Zum Schluss kehrte Gilbert mit einem Glas Bier zurück und prostete dem juchzenden Publikum zu.

Sänger Bernhard Berchtold (o.) als "Die Nase in Gestalt eines Staatsrats" und Bo Skovhus als Platon Kusmitsch Kowaljow spielen in "Die Nase".

Da auch Opernaufführungen heute wie ein Event angekündigt werden müssen, hat sich die Hamburger Staatsoper eine Nase an die Fassade gepappt: zur Eröffnung der Saison mit Dmitri Schostakowitschs Opernerstling „Die Nase“, inszeniert von Karin Beier, der Intendantin des Schauspielhauses; dirigiert von Kent Nagano, dem Musikchef des Hauses; von Stéphane Laimé auf eine Drehbühne gestellt, auf der eine Brigade grotesker Figuren (Kostüme: Eva Dessecker) auf die wilde Jagd nach der Nase geschickt werden, die dem Kollegienassessor Kowaljow abhandengekommen und von dessen Friseur Iwan Jakowlelewitsch wiedergefunden wird: in seinem Frühstücksbrot.

In seiner Oper, uraufgeführt 1930, griff Schostakowitsch zurück auf eine Geschichte von Nikolaj Gogol, die vom alltäglichen Irrsinn des russischen Alltags in der Ära von Zar Nikolai I. handelt und im Libretto des Komponisten und von drei Ko-Librettisten ins Absurdistan des nach dem Krieg zerrütteten Russlands projiziert wird.

Die Hölle des Humors

Musikalisch ist die Oper des Jung-Avantgardisten Schostakowitsch ein steiler Stilmix aus atonalen Klängen, volksmelodischen Zitaten und extremen Klangfarben, nach Art des pantomimisch-grotesken und strikt antirealistischen Theaters von Wsewolod Meyerhold in Szene gesetzt. Eine Montagetechnik, angeregt durch Verfahren des Films, sorgt für die nahtlosen Übergänge der szenischen Episoden mit orchestralen Zwischenspielen

Aus dem Versuch des Barbiers, die Nase in die Newa zu werfen, entwickelt sich ein groteskes Wechsel- und Widerspiel um das Entsorgen und Wiederfinden der Nase: urkomisch zwar als absurde Handlung, schrecklich aber als Groteske über eine Welt der Monster, zu denen Polizisten, Denunzianten, Diebe und Vergewaltiger gehören.

Dieser beklemmende Dualismus blieb bei der Inszenierung wegen einer selbstgenügsamen Reihung von Klamauk-Episoden auf der Strecke. Wenn im Intermezzo zwischen dem dritten Akt und dem Epilog ein Improviso eingelegt wird, bei dem eine hinzuerfundene Hüzrev Mirza den „lieben Nasen nah und fern“ zuruft, dass sie sich „verrüsseln“ und „Rotzenprotzen! Hatschen“ mögen; oder wenn in der Postkutschenszene des dritten Aktes der Versuch gemacht wird, das absurde Geschehen des Stücks – „eine Nase in Uniform! Steht das denn wirklich so in der Partitur“ – mit aktuellen Verschwörungsphantasien in Verbindung zu bringen, werden die Theaterbesucher in die Hölle des Humors versetzt, aber sie lachen dankbar, wenn es heißt: „Angela Merkel hat einen Eidechsenschwanz.“ Mit einem Satz: der Komik fehlt der Witz, der Groteske der Schrecken des Unheimlichen. Die Inszenierung zeigt nicht, was uns das Stück noch angeht.

Versöhnlich, dass das Orchester nach harter Vorbereitungsarbeit der „musikalisch-theatralischen Symphonie“ all die auch heute noch schneidenden, grellen, parodistischen Effekte sicherte. Schlechthin grandios die Darstellung des Kowaljow durch den Bariton Bo Skovhus, dem das gelang, was den anderen, zu bloßen Chargen reduzierten Figuren nicht gelingen konnte: die rückwärtige Verbindung zum Menschlichen.

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