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Casals-Forum Kronberg : Andante frizzante

François Leleux (stehend) mit dem Chamber Orchestra of Europe bei der Akustikprobe im neuen Konzertsaal des Casals-Forums der Kronberg Academy Bild: Andreas Malkmus/Kronberg Academy

Fünf Jahre nach dem ersten Spatenstich ist erstmals Musik im neuen Konzertsaal des Casals-Forums der Kronberg Academy zu hören. Die Musiker sind glücklich. Sie fühlen sich geborgen und empfinden den Klang als warm, klar und nah.

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          Man kann fast reinbeißen. Das klingt komisch, ist aber so. Wie will man Klänge anders beschreiben als durch Metaphern? Es gibt nur zwei Adjektive in unserer Sprache, die ausschließlich mit Hörbarem zu tun haben: „laut“ und „leise“. Schon „hoch“ und „tief“ oder „hell“ und „dunkel“ sind dem Sichtbaren entlehnt. Den Klang im neu entstehenden Konzertsaal des Casals-Forums der Kronberg Academy jedenfalls spürt man gleich direkt auf der Zunge. Die Triller der Violinen des Chamber Orchestra of Europe perlen und prickeln im Andante der C-Dur-Symphonie KV 200 von Wolfgang Amadé Mozart, die François Leleux hier gerade probt. Rachel Frost, die Oboistin des Orchesters, spricht von einem „Frizzante-Moment“ und hat völlig recht.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          „Der Klang ist lebendig, einfach wundervoll“, sagt sie. „Hier ist echtes Pianissimo möglich. Als Musiker kann man sich entweder den Hörern hingeben, oder man zieht sie zu sich aufs Podium. Dieser Saal lässt beides zu. Er ist warm, rund, er singt. Er ist schön anzusehen mit seinem hellen Holz und seiner Höhe; man hört sich selbst gut. Ich fühle mich darin geborgen.“

          Keine fünf Jahre ist es her, als im hessischen Kronberg, zwanzig S-Bahn-Minuten von Frankfurt am Main, der erste Spatenstich für das neue Casals-Forum der Kronberg Academy erfolgte. Das Forum soll einen Konzertsaal, Unterrichts- und Verwaltungsräume für die private Musikhochschule zur Ausbildung exzellenter Streicher, eine Geigenbauwerkstatt und ein Hotel vereinen. Bei der Konzeption des Konzertsaals arbeiteten das Architektenbüro Volker Staab und die Akustiker vom Büro Peutz, die bei der Klangsanierung der Berliner Staatsoper und dem neuen Konzertsaal im Dresdner Kulturpalast Überwältigendes geleistet hatten, Hand in Hand. Nun ist der heikelste Tag gekommen: Zum ersten Mal erklingt Musik im weitgehend fertigen Saal. Hat sich die Mühe gelohnt?

          Augustin Hadelich, einer der besten Geiger der Welt und der Kronberg Academy eng verbunden, spielt ganz allein Ausschnitte aus dem Solopart des Violinkonzerts von Jean Sibelius. Die tiefe Lage ist durchdringend und glühend, von einer Intensität, die man auf der Haut zu spüren glaubt. Die Höhe bleibt leuchtend und trägt durch den ganzen Saal. Auch im Andante der Solosonate a-Moll BWV 1003 von Johann Sebastian Bach hört man jedes Detail der Stimmführung und des Artikulationskontrastes im Pianissimo.

          „Es ist alles so deutlich hier“, sagt Hadelich nach der ersten Akustikprobe erstaunt. „Ich habe das Gefühl, ich schaue meinen eigenen Klang wie unterm Mikroskop an.“ Doch die Irritation der Überdeutlichkeit lasse sich beheben, versichert Raimund Trenkler, Gründer der Kronberg Academy und gemeinsam mit dem Geiger Friedemann Eichhorn auch deren Leiter. Unterm Dach befindet sich eine Galerie von Wandpaneelen, die man öffnen oder umkippen kann. Öffnet man sie, wird das Raumvolumen größer und die Nachhallzeit länger. Die Kipp-Paneele haben auf Vorder- und Rückseite unterschiedliche Materialien: Schall-Reflektoren oder Absorber. So lässt sich die Lautstärke beeinflussen.

          François Leleux, Oboist und Dirigent, ist einfach nur glücklich mit dem Saal: „Das ist, als würde man im Innern einer Geige sitzen und den eigenen Klang vergrößert mit Dolby-Surround-Effekt hören. Es ist Verstärkung ohne Härten, aber mit großer Wärme.“

          Francois Leleux und das Chamber Orchestra of Europe bei der Akustikprobe im neuen Konzertsaal des Casals-Forums der Kronberg Academy.
          Francois Leleux und das Chamber Orchestra of Europe bei der Akustikprobe im neuen Konzertsaal des Casals-Forums der Kronberg Academy. : Bild: Jan Brachmann

          Tatsächlich fällt die „Wärme“ des Saales, die gute, aber nicht erschlagende Abstrahlung tiefer Frequenzen, sofort angenehm auf, egal, wo man sitzt: ob auf einem der dreihundert Plätze im Parkett oder der ebenfalls dreihundert Plätze im Balkon. „Es ist ein exzellenter Saal“, schwärmt Simon Fletcher, der Manager des Chamber Orchestra of Europe, das künftig enger mit der Kronberg Academy kooperieren will. „Die warme Resonanz der Bässe gibt dem Klang ein gutes Fundament. Die Musiker fühlen sich wohl. Niemand wird in diesem Saal sagen: ‚Das ist mein Platz‘, denn die Akustik ist überall vorzüglich.“

          Ende September soll der Saal eröffnet werden. Das Forum ist ein Musterbeispiel für das Zusammenwirken bürgerschaftlichen Engagements und staatlicher Förderung. Wenn es für die letzten Schlusssteine nochmals private Förderer gäbe, wäre Trenkler angesichts dramatisch gestiegener Materialpreise – es gibt momentan kaum Holz zu kaufen – noch entspannter.

          „Wir hören unseren Auftraggebern zu, übersetzen deren sprachliche Metaphern von Klängen in akustische Daten und überführen die dann mit dem Architekten in eine Geometrie“, fassen Martijn Vercammen und Margrit Lautenbach vom Akustik-Büro Peutz ihre Arbeit zusammen. „Was der Dirigent hört, sollte auch im Saal zu hören sein. Wenn man die Augen schließt, soll man meinen, man könne die Musik anfassen.“ Das ist hier ganz hervorragend gelungen. Dieser Saal wird unter Musikern und Hörern einen Riesenappetit wecken und es in der Welt zu einigem Ruhm bringen.

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