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Affentheater mit Jacob Appelbaum : Schauspieler ist er auch

Erst kurz vor Schluss gibt sich der Internetaktivist Jacob Appelbaum in der Kölner „Reloaded“-Aufführung des Theaterstücks „Assassinate Assange“ zu erkennen. Die anderthalbstündige Aufführung war da schon lange nicht mehr zu retten.

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          Der Whistleblower Jacob Appelbaum spielte auch mit, doch blies er nicht die Pfeife, sondern machte den Affen. Einen von elf, die Angela Richter, den zwölften gibt sie selbst, in Flokatikostümen und schlichter Gorilla-Gleichschritt-Choreographie durch ihr Projekt „Assassinate Assange“ bewegt: Vierzehn Monate nach der Uraufführung in Hamburg hat sie es am Schauspiel Köln aktualisiert und - so die Ergänzung im Titel - „Reloaded“. Doch zu erkennen gibt sich Appelbaum, der nach eigenem Bekunden in Berlin „in einer Art Exil“ lebt, erst kurz vor Schluss, als er, um ein Statement gebeten, die Affenmaske kurz abnimmt. Ja, Schauspieler sei er auch, nicht nur investigativer Journalist, Internetaktivist, Wikileaks-Unterstützer und Computersicherheitsspezialist, wie die Regisseurin dem unbedarften Auftritt noch nachschieben zu müssen glaubt.

          Die anderthalbstündige Aufführung aber war da schon lange nicht mehr zu retten. Zu konfus, materiallastig und ironieflach verramscht die postdramatische Performance, die Angela Richter pseudodokumentarisch aus Nachrichten-Chronik, Agenturmeldungen, Polizeiprotokollen, Tonbandaufzeichnungen und (Telefon-)Gesprächen kompiliert, den brisanten politischen Fall zur geschwätzigen Belanglosigkeit. Wo es darum gehen müsste, Julian Assange als öffentliche Figur darzustellen, wird er heroisiert und, peinlich genau geschilderte schwedische Sexspiele inklusive, aus der Fan-Perspektive besichtigt. Das Theater zieht seit jeher den Kürzeren, wenn es sich zum Affen des Journalismus macht und sich zum Zeitungsersatz entwertet; die im Anschluss angesetzte englischsprachige Diskussionsrunde („Panel“) führte, obwohl sie mehr auf Informationsvermittlung als auf kritische Auseinandersetzung angelegt war, seine diskursive Unterlegenheit ausgiebig vor.

          Dabei müsste das Theater, um dem Thema gerecht zu werden, „nur“ das Selbstbewusstsein entwickeln, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen und seinen künstlerischen Möglichkeiten zu vertrauen. Dann wäre es, wie es den Zuschauer in einen subjektiven, vieldeutigen, spielerischen, über die bloße Mitteilungsebene weit hinausgehenden Verstehensprozess zieht, der letzte öffentliche Ort, in den die NSA nicht hineinspionieren kann. Und als Medium so verdächtig wie unverzichtbar.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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