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Künstlerzählen der AfD : Kommt der Tenor etwa aus Omsk?

  • -Aktualisiert am

Das Stuttgarter Opernhaus bei Nacht Bild: dpa

Man wird ja wohl noch mal durchzählen dürfen! Ein AfD-Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag möchte die Staatsbürgerschaft der Bühnenkünstler im Ländle wissen. Was möchte er damit anfangen?

          Durchzählen. Ganz alte, bewährte Methode. Herodes zählte Kinder, Casanova zählte Frauen, Faust zählte seine Wissensgebiete. Könige zählen Soldaten, die Kirche zählt Gläubige, Politiker zählen Wähler, Dagobert Duck sein Geld. Durchzählen aus Mordgier, durchzählen aus Eroberungssucht, durchzählen aus Siegeslust, durchzählen im Kampf um die Mehrheit. Durchgezählt wird selten zum Spaß. In der Schule darf keiner fehlen und auch nicht beim Appell. Man muss auch durchzählen, wenn einer im Verdacht steht, nicht alle Latten am Zaun zu haben. Durchzählen ist fast wie Vergleichen, dieselben klaren, eindeutigen Ergebnisse. Vergleichen ist auch proaktiv. Na – kriegt man dann heraus –, der ist auch nicht die hellste Kerze auf der Torte. Oder man erwähnt gesprächsweise, der oder der – komisch, schon wieder ein Mann, ist wirklich keine Absicht – sei mit Sicherheit der größte Karlsson vom Dach.

          Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, zu solchen Ergebnissen kommt man nur durch Vergleichen. Und natürlich durch die Abstraktion. Bauern und Kartoffeln sind hier nur ein Bild, natürlich. Banker und Aktienpakete ginge auch. Zählen ist nicht selten Voraussetzung für das Vergleichen. Soundsoviele habe ich, soundsoviele hast du. Ich hab mehr. Ätsch. Wer hat die meisten Pfeile im Köcher? Wer hat die meisten grauen Zellen? Hercule Poirot natürlich. Durchzählen kann natürlich auch absoluter Quatsch sein, sinnlose Zeitvergeudung wie bei den Erbsenzählern. Es dient zum Ablenken, Fernhalten, Verhindern und Täuschen.

          Der AfD-Abgeordnete Balzer im baden-württembergischen Landtag hat jetzt in einer kleinen parlamentarischen Anfrage dazu aufgefordert, es mögen die Angehörigen der Städtischen und Staats-Theater des Ländles nach ihren Staatsbürgerschaften durchgezählt werden. Er sagt, er hätte nichts gegen die ausländischen Künstler, natürlich nicht, aber man wird ja wohl noch mal durchzählen dürfen, wie viele deutsche Künstler es an deutschen Theatern noch so gibt. Verschwendung von Steuergeldern könnte man das Stellen einer derartigen Anfrage nennen. Denn was tut es denn zur Sache, ob die Ballerina oder der Tenor aus Omsk, Valencia oder Schwäbisch Hall kommen? Können sie tanzen, singen, Schiller sprechen oder Pollesch, das ist doch die Frage.

          Wer wollte wohl an ihren Bühnenauftritten erkennen, welche Nationalität Sängerinnen, Tänzer oder Schauspieler haben? Was also möchte der Herr Abgeordnete mit den Ergebnissen der Erhebung anfangen? Den Leuten einreden, es werde nicht mehr deutsch getanzt oder geschillert? Die neuesten Politiker haben die drängendsten Fragen. Da sind wir jetzt allein durch Durchzählen und Vergleichen draufgekommen.

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