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Bayreuther Festspiele : Opernproben brauchen Nähe

Der Dirigent Pietari Inkinen: „Der ,Ring’ liegt mir am Herzen, und ich will alles daran setzen, ihn möglich zu machen“. Bild: dpa

Die Bayreuther Festspiele sind abgesagt. Pietari Inkinen hätte den neuen „Ring des Nibelungen“ dirigieren sollen, doch er hält diese Entscheidung für verantwortungsvoll.

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          Gestern, am 1. April, hätten im Bayreuther Festspielhaus die Proben zur Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ in der Regie von Valentin Schwarz und unter der musikalischen Leitung von Pietari Inkinen beginnen sollen. Doch am Abend vorher verkündeten die Geschäftsführung und die Gesellschafter der Bayreuther Festspiele – die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth –, dass die Bayreuther Festspiele 2020 wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt werden müssen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Inkinen erreichte die Nachricht am Abend in seiner Basler Wohnung. „Ich kann heute noch gar nichts sagen, es ist einfach nur traurig“, ist seine erste Reaktion im Gespräch mit dieser Zeitung. Er selbst hätte jetzt eigentlich in Seoul sein sollen, aber auch diese Konzerte sind abgesagt, genau wie seine Auftritte in Tokio beim Japan Philharmonic Orchestra sowie in Saarbrücken und Kaiserslautern bei der Deutschen Radiophilharmonie, wo er jeweils Chefdirigent ist. Die ganze Zeit von Mai an hatte Inkinen sich freigehalten, um in Bayreuth für die Proben der vier insgesamt mehr als sechzehn Stunden langen Opern des „Rings“ zur Verfügung zu stehen.

          Die Entscheidung der Gremien zur Absage der Festspiele hält er für absolut richtig und verantwortungsvoll. „Es ist besser, diese Entscheidung schon jetzt zu treffen, als den Probenbeginn immer weiter hinauszuzögern, alle Beteiligten im Ungewissen zu lassen und dann am Ende festzustellen, dass man künstlerisch zu keinem befriedigenden Ergebnis in der Kürze der Zeit kommen kann.“ Außerdem geht auch für ihn der Schutz der Gesundheit bei allen Mitwirkenden wie beim Publikum vor.

          Katharina Wagner, die Urenkelin Richard Wagners und derzeitige künstlerische Leiterin der Bayreuther Festspiele, hatte am Dienstagabend im Interview im Deutschlandfunk Kultur noch einmal eindringlich klargemacht, dass schon die Bauproben der Bühnenarbeiter und Techniker nicht ohne körperliche Nähe ablaufen können, erst recht nicht die szenischen Proben zwischen den Solisten und die des Orchesters im Graben. Da ist an die Einhaltung von Mindestabständen nicht zu denken. Wer in diesen Tagen den Probenbetrieb fortsetzt, handelt grob fahrlässig.

          Festspiele Erl auch abgesagt

          Das haben inzwischen auch die Festspiele in Erl erkannt und ihre gesamte Sommersaison abgesagt. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Ansammlung von Menschen in größerer Zahl mindestens bis zum Herbst des Jahres nicht gestattet werden wird“, teilten sie ebenfalls am Dienstagabend mit. Wahrscheinlich werden bald alle Sommerfestivals, bei denen Bühnenbauten und szenische Proben nötig sind, zu diesem Schluss kommen. Diese brauchen – zumindest bei Premieren – einen größeren zeitlichen Vorlauf als Wiederaufnahmen und Konzerte mit reiner Instrumentalmusik. Orchester- und Kammermusikfestivals könnten die Entscheidung über eine Absage noch hinauszögern und auf ein Abflauen der Infektionsraten bis Juli hoffen.

          Für Bayreuth bedeutet das, wie Katharina Wagner schon andeutete, dass sich die Planungen bis 2025 verschieben. Die Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ soll es 2021 geben, aber der „Ring“ wird auch im kommenden Jahr nicht zu verwirklichen sein. Wagner will unbedingt an der jetzt gewonnenen Sängerbesetzung festhalten. Doch wie alle namhaften Solisten, der Dirigent eingeschlossen, sind die Beteiligten des Bayreuther „Rings“ lange im Voraus verplant. Vorgesehen ist jetzt, die Proben, die momentan hätten stattfinden sollen, in die Festspielzeit 2021 zu verlegen, damit der „Ring“ dann 2022, mit zweijähriger Verspätung komplett in allen vier Teilen Premiere feiern kann. Für 2021 werden neben der vorgesehenen Neuproduktion „Der fliegende Holländer“ nur die Wiederaufnahmen „Tannhäuser“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Lohengrin“ und immerhin drei konzertante Aufführungen der „Walküre“ aus dem „Ring“ auf dem Spielplan stehen. „Grundsätzlich bleiben die bereits für 2020 gekauften Karten für die Festspiele 2021 gültig“, heißt es seitens der Festspielleitung. Zur Klärung der Modalitäten bezüglich konkreter Termine werde das Kartenbüro in den kommenden Wochen mit allen Kartenkäufern der Festspiele 2020 Kontakt aufnehmen.

          Pietari Inkinen sagt: „Wir Jüngeren haben keinen Krieg erlebt, aber das ist jetzt eine schwere Bewährungsprobe für uns alle. Ich hoffe, dass die Strategie der Kontaktvermeidung hilft und dass wir bald über Impfstoffe oder andere Medikamente verfügen. Ansonsten brauchen wir alle jetzt etwas Zeit. Der ,Ring‘ in Bayreuth liegt mir am Herzen. Ich habe monatelang darauf hingearbeitet. Und ich werde alles tun, ihn möglich zu machen.“

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