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Abgefilmtes Theater : Verdammte Kamera

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Vorhang auf, es wird gefilmt. Bild: dpa

Berlins Kultursenator hat eine Theater-Zerstörung ganz eigener Art vorgeschlagen, nämlich alle Premieren live zu übertragen: Warum das Fernsehen im Theater nichts verloren hat.

          Der Berliner Kultursenator, von dem man, wenn Namenswitze nicht völlig unstatthaft, unmöglich und absolut verboten wären, sagen könnte, dass er den absoluten Erfolg („Renner“) schon im Namen trüge, hat jetzt das gemacht, was Senatoren immer machen, wenn sie nicht wollen, dass man sie vergisst: einen Vorschlag. Naturgemäß in einem Interview. Weil sie sonst niemand hört.

          Berlins Renner also schlägt vor, dass die Premieren sämtlicher Berliner Theater dergestalt filmisch abzubilden wären, dass sie per „Livestream“ (was ungefähr mit „Lebendigkeitsstrom“ oder so ähnlich zu übersetzen wäre) auf handschweißverschmierten, ungefähr DIN-A4-großen, ganz flachen Glaskästen (vulgo: iPads) lebendigkeitsstrommäßig zu verfolgen wären. Also das, was man früher, in urvordenklichen Zeiten, als die Welt noch Fernsehen guckte, „Direktübertragung“ nannte. So dass niemand mehr ins Theater gehen müsste, die Häuser keine Einnahmen mehr hätten. Und der Senator den Bühnen das, was sie nicht mehr einnehmen, gleich von den Subventionen abziehen könnte: Berlin würde einen weiteren Einsparposten glanzvoll bewältigen! Dumm, aber sexy. Was freilich nur ein Nebeneffekt wäre.

          Nichts als Screens

          Der Haupteffekt läge in einer Theaterzerstörung ganz eigener Art. Durch die Kamera. Die den Abend ja auf irgendeine Art und Weise abfilmt, um ihn dann auf die handschweißverschmierten DIN-A4-Glas-Pads zu senden. Man kann sich ja sowieso nur schwer vorstellen, dass irgendjemand, der da nicht freiwillig und also ziemlich leidens- und duldungsfähig sich zu einer Berliner Premiere leibhaftig begibt, diese sich auch noch direkt übertragen lassen wollte.

          Und noch schwerer vorstellbar, dass er es zum Beispiel über vier, fünf, sechs direkt übertragene Volksbühnen-Stunden aushielte, wie aus einer abgefilmten Castorf-Inszenierung die Livestream-Kamera ihm zeigt, wie auf der Bühne schon Dutzende Kameras den eventuell noch im Volksbühnen-Parkett sitzenden Zuschauern über einen auf der Bühne montierten Video-Screen das zeigen, was diese nicht direkt auf der Bühne sehen, sondern nur das, was sich irgendwie hinter und unter den Kulissen abspielt (irgendwelche Prenzlauer, die sich im Ost-Berliner Pachulke-Idiom anschreien) – und also man das noch einmal gefilmt kriegte, was sowieso schon gefilmt ist, weil nicht nur das Castorf-Theater sich der grassierenden Videotie schon lange in die Arme warf.

          Wobei die Castorfsche Video-Manie den Finger, pardon: die Kamera in die Grundsatz-Wunde legt. Denn das Theater ist eigentlich eine freie Kunst. Weil sie dem Blick des Zuschauers freie Bahn lässt. Es können achthundert Leute im Zuschauerraum sitzen. Und sie sehen an einem Abend achthundert verschiedene Vorstellungen. Denn jeder sieht anders. Der eine kann den Blick auf das kleine Sofa rechts hinten konzentrieren, auf dem ein sonst nacktes, aber mit hohen Springerstiefeln beschuhtes NSU-Liebespaar sich kopulativ verknäuelt.

          Der andere richtet das Auge lieber fasziniert auf die Badewanne links vorne, in der gerade ein antifaschistischer Papagei geschlachtet wird. Von der schönen, sauberen Scheinwerferbatterie über der Bühne ganz zu schweigen, die gemeinhin den himmelstürmenden Augentrost jedes Theaterverzweifelten bildet. Die Kamera jedoch verdammt jeden Zuschauerblick: zur Unfreiheit. Sowohl die Kamera, die auf der Bühne die Szene im Video verschwinden lässt, als auch die Kamera, die eine Aufführung nach draußen übertragen soll.

          Der gelenkte Blick

          Eine Kamera lenkt den Blick – nach dem Willen des Regisseurs. Der Zuschauer im Theater lenkt seinen eigenen Blick – auch gegen den Willen des Regisseurs. Der Zuschauer am Bildschirm, sei er nun handschweißverschmiert tragbar oder fest installiert, ist ein Objekt. Der Zuschauer im Theater ist ein Subjekt. Er ist Teil der uralten, der schönsten, tollsten und herrlichsten Vereinbarung, die es zwischen Menschen gibt: dass Menschen anderen Menschen etwas vorspielen – das Menschenmögliche beziehungsweise Menschenunmögliche.

          Wozu der zuschauende Mensch die Freiheit haben muss, auf seiner Kopfbühne, der Weltbühne seiner Phantasie, das, was ihm die Schauspieler bieten, so neu und anders zusammenzusetzen, dass daraus eine ganz andere, neue Welt entsteht. Die er bisher nicht gekannt hat. Und das Spiel- und Baumaterial für diese Welt liefern ihm die Schauspieler, die Dramatiker, die Bühnenbilder. In die er sich, „Sir, geben Sie Blickfreiheit!“, verlieren und verlieben darf. Deshalb ist das Theater (neben der Musik) die größte, genialste Menschheitserfindung. Kein Zufall naturgemäß, dass der Gott des Rausches und der Begeisterung seine dionysische Hand dabei mit im Spiel hatte.

          Eine Kamera, eine Übertragung, eine Handschweißverschmierung auf technoidem Glas stören bei diesem göttlich freien Spiel nicht nur. Sie vernichten es. Der Berliner Kultursenator sollte einmal so viel Kultur aufbringen und ins Theater gehen. Vielleicht kriegt er ja sogar eine Freikarte.

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