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„Ça ira“ im Pariser Theater : Rauschhafter Ringkampf der Ideen

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In Frankreich scheint etwas aus den Fugen geraten, wie damals, am Vorabend der Revolution: Szene aus Joël Pommerats „Ça ira (1) Fin de Louis“ Bild: Elizabeth Carecchio

In Paris ist Joël Pommerats Theater-Produktion „Ça ira (1) Fin de Louis“ seit Wochen ausverkauft. Ein Zeichen vorrevolutionärer Stimmung in der Stadt?

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          Wann begann die Französische Revolution? Der Volksmund sagt: am 14. Juli 1789, mit dem Sturm auf das Pariser Bastille-Gefängnis. Die Schulbücher sagen: am 5. Mai desselben Jahres, mit der Eröffnung der Generalstände in Versailles. Der Theatermacher Joël Pommerat sagt: schon im Lauf des Vorjahrs, als die Finanzen des Reichs endgültig dem Bankrott entgegenschlitterten. Der König sah sich da gezwungen, Granden und Notabeln zusammenzurufen, um gemeinsam über Mittel und Wege nachzudenken, Frankreich aus dem Würgegriff von Defizit und Staatsschuld zu befreien.

          Da kommt er schon, der Monarch: Unter Applaus betritt er die Bühne des Pariser Théâtre de la Porte Saint-Martin und setzt sich vor ein Mikrofon an einem Konferenztisch. Er ist gekleidet wie Albert von Monaco und spricht ernst und gefasst von der Notwendigkeit, „die sehr schwere Krise, die wir durchmachen, energisch zu lösen“. Sein Premierminister, ein kämpferischer Kettenraucher, verrät Näheres über die geplante Finanzreform: die Einführung einer Einheitssteuer, die – ohne jede Befreiung – auf der Basis des realen Einkommens und Gewinns jedes Bürgers kalkuliert würde. Man reibt sich die Augen: Angekündigt ist ein Stück namens „Ça ira (1) Fin de Louis“ über die große Revolution, aber sind wir im Frankreich des Ancien Régime oder in jenem von heute?

          Wir sind, zunächst und zuvörderst, bei Joël Pommerat, dem französischen Theatermagier, der es wie kein anderer versteht, gesellschaftlich-politische Themen auf der Bühne zu pulsierendem Leben zu erwecken. Der Mythen und Märchen in die Alltagswelt versetzt, um unter der Patina ihre Sprengkraft freizusetzen. Der wie Ariane Mnouchkine zu ihrer Bestzeit (aber mit anderen Mitteln) Stoffe, die zugleich zeitlos und aktuell sind, in frappierend profilierte Formen zwingt. Pommerats Projekt für die Französische Revolution: den Mythos entmythisieren, Geschichte auf Augenhöhe gegenwärtig machen.

          Alles, nur kein dokumentarisches Theater

          Zu diesem Zweck siedelt der Autor, Regisseur und Truppenleiter in Personalunion, die Handlung in einer erweiterten Gegenwart zwischen 1970 und heute an, aktualisiert das Vokabular (aus „Agiotage“ wird „Spekulation“, aus „Ständen“ werden „Bevölkerungskategorien“...) und setzt gezielt Anachronismen ein: Eine kaum verhohlen im Dienst des Adels und Klerus stehende spanische TV-Journalistin begleitet live die Eröffnung der Generalstände, unter den Abgeordneten finden sich auch Frauen. Vor allem jedoch verzichtet Pommerat auf alle „Helden“ der Revolutionszeit zugunsten von Aberdutzenden fiktiver Figuren.

          Pommerat verzichtet auf alle „Helden“ der Revolutionszeit zugunsten fiktiver Figuren.

          Selbst die wichtigsten unter ihnen, die um der Wiedererkennbarkeit willen erfundene Namen tragen, sind teils existierenden Personen nachempfunden (wie Premierminister Muller, der Züge von Jacques Necker, aber auch von anderen Ministern trägt), verkörpern meist jedoch bloß bestimmte politische Typen: den in seine Privilegien festgekrallten Kleriker, den aristokratischen „Suprematisten“, den bürgerlichen, liberalen oder radikalen Vertreter des Dritten Standes.

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