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450 Jahre Staatskapelle Berlin : Geglückte Ost-West-Vereinigung

  • -Aktualisiert am

Die Staatskapelle Berlin auf dem Bebelplatz Bild: Peter Adamik

Inzwischen weiblicher und bunter: Die Staatskapelle Berlin feiert mit Daniel Barenboim ihr 450-jähriges Bestehen. Sie wahrt ihre klangliche Identität in Zeiten der Globalisierung.

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          Das Berliner Staatsopern-Gebäude war nach 1945 schlimmer zerstört als das Schloss. Aber das Schloss ist von Ulbricht abgerissen worden, die Oper nicht – und wissen Sie, warum?“ – Matthias Glander, der Solo-Klarinettist der Staatskapelle, lehnt sich einen Moment fast genüsslich zurück: „Weil Erich Kleiber klar angesagt hat, dass er nur dann als Dirigent zurückkommt, wenn das in diesem Haus passiert!“ In diesem Haus: Das ist die Lindenoper, ab 1741 im Auftrag Friedrichs II. durch Knobelsdorff als weltweit erste frei stehende Musikbühne errichtet und bis heute der nobelste Blickfang zwischen Brandenburger Tor und dem mittlerweile wiedererrichteten Hohenzollern-Schloss. „In diesem Haus“ steht aber auch für Zuhause, Gemeinschaft – eine Daseinsform, die man nicht rein intellektuell erlangen kann.

          Der Hornist Thomas Jordans beschreibt sie so: „Es ist etwas Magisches in dem Bau und in dem, was wir darin weitertragen. Man lebt natürlich nicht unentwegt im Bewusstsein dieser Traditionen, aber wenn das wieder mal durch einen hindurchgeht, kann es schon Gänsehaut machen: Mendelssohn, wie er die Kapelle dirigiert, Kleibers ,Wozzeck‘-Uraufführung 1925. Manches ist ja auch schiefgegangen: Wagner, der mit seinem ,Holländer‘ umsonst vor der Intendanztür stand, oder Richard Strauss, der hier, obwohl schon Hofkapellmeister, von der ,Feuersnot‘ an keine seiner frühen Opern zur Premiere bekam, weil der Kaiser was dagegen hatte. Da hätte manches noch ganz anders laufen können – aber wenigstens Strauss hat sich ja trotzdem bestens mit der Oper und dem Orchester arrangiert. In der Kapellgeschichte gab es öfter so eine Art Phönix-Momente, wo alles schon am Boden schien – und dann ging es doch wieder zum Neustart.“

          Genau das, was ich wollte

          Wenn Jordans solchermaßen in die Vergangenheit zurückwandert, hat das noch einen anderen Klang als bei Glander, weil zwischen beiden fast eine ganze Generation liegt. Als der Klarinettist 1983 zum Ensemble stieß, ging der Jüngere noch in die Grundschule. 1996 trat Jordans dann seinerseits zum Probespiel an und wurde aufgenommen – als einer der ersten erfolgreichen Absolventen der damals noch ganz jungen Orchesterakademie, die seither über 180 Musiker in nationale und internationale Klangkörper „entlassen“ hat. Dreißig davon sind, wie Jordans, in der Kapelle geblieben: „Die Vorgeschichte dazu ging 1991 los, als das Jeunesses-Musicales-Orchester hier in Berlin eine Arbeitsphase hatte und ich eher zufällig in eine ,Nussknacker‘-Aufführung der Staatsoper geriet, wunderbar altmodisch mit Bühnen-Schneegestöber und Rauschgold. Als ich da erlebt habe, wie die Musiker mit den Tänzern zusammenwirken, was das an Reaktionsfähigkeit fordert, welche Aufregungen damit verbunden sein können, war mir klar: Das ist das Richtige! – Und dass es dann diese Akademie hier geworden ist, hat genau damit zu tun: weil man ziemlich bald als Aushilfe mit in den Orchestergraben geht, auf die Bühnenakteure eingehen muss und schneller flexibel wird als in allen Hochschuljahren zuvor. Es war genau das, was ich wollte.“

          So sitzen nun zwei Bläserkollegen zusammen, die zwar mit vierzehn Jahren Abstand zum Orchester gekommen sind, aber beide ihr ganzes bisheriges Berufsleben hier verbracht haben. Was, wie es aussieht, auch weiter so bleiben soll: „Wir alle sind ziemlich eng verbunden, der Umgang ist fast familiär – und wenn es nottut, ist einer für den anderen da. Das ist, wenn man sich umhört, nicht in jedem Ensemble so“, sagt Glander, bei dem das Hineinwachsen in genau diese Formation als Ostrand-Berliner – Qualität natürlich vorausgesetzt – geradezu naturgesetzlich wirkt. Der Hornist dagegen ist Rheinländer und wurde auch musikalisch anders sozialisiert, mit einem strafferen, kühleren Klang, wie er sich in den Jahrzehnten der beginnenden Globalisierung bei vielen Orchestern ähnlich entwickelte. Den der Kapelle dagegen hat er selbst einmal als „warm und rotgolden“ beschrieben, und so erlebt man ihn auch als Hörer: dunkel gesättigte Streicher, ein schönes, dynamisch stufenlos aufblühendes Bläserlegato, Intensität bis ins pianissimo hinein.

          Es war auch dieser oft beschworene, nicht leicht beschreibbare „deutsche Klang“, der Thomas Jordans nach Berlin zog: womöglich ein ungewolltes, aber in diesem Ausnahmefall positives Ergebnis der internationalen Isolierung der DDR, weil der globale Mainstream außen vor blieb und stattdessen ein Klang wiederaufgenommen und konserviert wurde, wie er in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gepflegt worden war. Noch ein anderer entdeckte dieses Phänomen und war davon begeistert: Daniel Barenboim, als er Anfang der neunziger Jahre in die wiedervereinigte deutsche Hauptstadt kam und bei seinem „Parsifal“-Dirigat einen Klang wiederfand, den er längst verloren wähnte.

          Den Boden dafür hatte vor allem Otmar Suitner bereitet, der nach dem einschneidenden Aderlass von 1961, als der Mauerbau die in West-Berlin wohnenden Musiker von ihrem Arbeitsplatz abschnitt, die Fäden ebenso behutsam wie energisch neu knüpfte und die historische Kontinuität wahrte.

          Was seither aus dem Zusammentreffen Barenboims mit dem Orchester erwachsen ist, wurde an vielen Stellen beschrieben. Fast drei Jahrzehnte währt diese Liaison nun schon. Am Freitag feiert das Orchester unter Barenboims Leitung und in Anwesenheit des Bundespräsidenten sein 450-jähriges Bestehen. Dabei ist die Staatskapelle inzwischen internationaler und weiblicher geworden. Jiyoon Lee aus Südkorea, die 2017 Erste Konzertmeisterin wurde und von der beide Gesprächspartner gleichermaßen schwärmen, steht für beides und außerdem dafür, dass die Identität des Orchesters und seines besonderen Klanges durch solche Öffnungen keineswegs in Frage gestellt wird. Dabei hilft, was Glander das „Zwei-Schlüssel-Prinzip“ nennt: bei jeder Neuverpflichtung müssen sowohl der Chef als auch das Ensemble zustimmen – ohne einen von beiden wird nichts daraus.

          Und es braucht auch die Neigung zum Zusammengehen mit Sängern, die Bereitschaft, sensible Stimmen zu tragen, zum Leuchten zu bringen – denn nach wie vor spielt sich der Großteil der Dienste, unerachtet der Konzertzyklen von Beethoven bis Mahler und prägender Plattenaufnahmen, auch abseits der Oper, im Orchestergraben der Lindenoper ab. Das war im Prinzip schon am Beginn so: Die 1570 gegründete Brandenburgische Hofkantorei zählte in ihren ersten Jahrzehnten mehr Sänger als Instrumentalisten. Ein Vorzeichen? – Wenn ja, dann ein gutes.

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