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Komponist Michael Praetorius : Er wies der deutschen Musik den Weg in die Zukunft

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Der Komponist und Musiktheoretiker Michael Praetorius in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 15. Februar 1571 (oder 1572) als Michael Schultheiß in Creuzburg bei Eisenach geboren und verstarb am 15. Februar 1621 in Wolfenbüttel. Bild: Picture-Alliance

Vor 400 Jahren starb der Komponist und Theoretiker Michael Praetorius. Er war ein Wegbereiter für viele ihm nachfolgende, große Künstler. Warum er uns heute noch so nahe ist.

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          Als Freiburger kannte ich seinen Namen früh von der Praetorius-Orgel in der Universität. Das Instrument, im Bombenkrieg zerstört, war 1955 mit Hilfe eines amerikanischen Stifters in der Aula neu aufgebaut worden. Die Einweihung erlebte ich als Student mit. Die Praetorius-Orgel war ein Vorzeigestück der Orgelbewegung; ihr Registerwerk, nach den Angaben von Michael Praetorius gefertigt, sollte den Klang der frühen Orgel ins zwanzigste Jahrhundert tragen, als Anstoß für neue Klänge, neue Kompositionen.

          Wer war Michael Praetorius, der Namensgeber dieser Orgel? An der Wende vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert war er im lutherischen Deutschland ein hochberühmter Mann: Organist, Komponist, Schriftsteller – ein Impresario und Organisator großen Stils. Praetorius war der wohl bedeutendste Musikschriftsteller und Musikberichterstatter seiner Zeit: Ohne ihn wüssten wir nur wenig von der Musik des beginnenden siebzehnten Jahrhunderts in Deutschland, von den Pfeifern, Geigern, Sängern, Tastenvirtuosen in Nürnberg, Dresden und anderen Städten, ihrer Anzahl und Organisation, ihrem Spiel und ihrem musikalischen Repertoire. 1596 saß er als Examinator auf der Bank der damals größten Orgel im niedersächsischen Gröningen. 53 Organisten waren zur Einweihung angereist – ein Zeugnis für die universelle Verbreitung der Orgelkunst im damaligen Deutschland.

          Von Praetorius’ Zeitgenossen erreichten nur wenige seinen Ruhm – in Deutschland wohl einzig der etwas ältere Hans Leo Haßler in Nürnberg und der etwas jüngere Heinrich Schütz in Dresden. Praetorius war ein „Atlas der Musik“ (so nannte ihn der Musikhistoriker Hans Joachim Moser) – das Wort in seinem doppelten Sinn genommen: ein Lastträger der Vergangenheit, der strengen protestantischen Liturgietraditionen – und zugleich ein Wegweiser in die Zukunft, zum freien Musizieren und Konzertieren in kirchlichen wie weltlichen Räumen.

          Er stammte aus Thüringen, aus Creuzburg an der Werra nahe Eisenach; sein Vater war ein lutherischer Prediger mit Namen Schultheiß. Der nach Humanistenart latinisierte Name Praetorius wurde zum Künstlernamen des Sohnes. Früh, noch während seines Philosophie- und Theologiestudiums in Frankfurt an der Oder, wurde Michael Praetorius Organist. Seit 1592 stand er in Wolfenbüttel und in Gröningen bei Halberstadt im Dienst des Herzogs von Braunschweig, war dort als Organist und später als Kapellmeister tätig. Der Dreißigjährige komponierte Vokal- und Instrumentalmusik, die seinen Namen bekannt machte; unter anderem waren seine Stücke auf dem Reichstag zu Regensburg 1603 zu hören.

          Als Anwalt des italienischen konzertierenden Stils organisierte er vielbeachtete Festmusiken in mitteldeutschen Städten, in Naumburg, Halle, Braunschweig, Halberstadt; auch eine Konzertmusik im Magdeburger Dom richtete er ein. Er besaß ein Haus in Wolfenbüttel und wohnte dort bis zu seinem – mit fünfzig Jahren relativ frühen – Tod. Seit 1603 war er mit Anna Lakemacher verheiratet und Vater zweier Söhne. Nach dem Tod des Herzogs (1613) verband er sich als „Kapellmeister von Haus aus“ mit den Höfen der Wettiner in Dresden und Halle, für die er Programme entwarf, Musiker anwarb und bei festlichen Anlässen als Dirigent antrat; in Dresden leitete er zeitweise die Hofkapelle.

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