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Musikdrama „4.48 psychosis“ : Abschiedssymphonie mit tödlichem Ende

  • -Aktualisiert am

Allein auf der Party und selbst dran schuld: Die Protagonistin in Philip Venables „4.48 psychosis“ kämpft mit Depressionen. Bild: Klara Beck

Straßburg ist die neue Opernhauptstadt: Die Opéra national du Rhin präsentiert das Musikdrama „4.48 psychosis“ von Philip Venables, und die Plattform Arte concert ihre grandiosen Pläne.

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          Straßburg ist die neue Kapitale der Oper. Gerade ist die Opéra national du Rhin, zu der auch die Spielstätten in Colmar und Mulhouse gehören, von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Opernhaus des Jahres gekürt worden. Die Auszeichnung ist in erster Linie eine postume Ehrung für die im Mai dieses Jahres viel zu früh verstorbene Intendantin Eva Kleinitz. Mit ihrer Ausrichtung der Straßburger Bühne als „europäisches Opernhaus“, mit ihrem ausgefallenen Spielplan der Entdeckungen gewann sie alle Sympathien der Fachwelt und Opernliebhaber. Ihre Persönlichkeit ist vielen Weggefährten als „Lichtgestalt“ in Erinnerung geblieben, wie in der Hommage zu ihrem Gedenken nachzulesen ist. Überbracht wurde die Auszeichnung von Chefredakteur Albrecht Thiemann unmittelbar nach der französischen Erstaufführung von „4.48 psychosis“ des englischen Komponisten Philip Venables – eine Übernahme der Londoner Uraufführungs-Inszenierung von Ted Huffman aus dem Jahr 2016.

          In seltsamer Koinzidenz geht es auch in diesem Musikdrama um den Tod einer Frau – Sarah Kane, der englischen Skandal-Autorin, die sich mit achtundzwanzig Jahren erhängte. „4.48“ bedeutet exakt jene Uhrzeit, in der die von schweren Depressionen heimgesuchte Autorin aufwachte und geistige Klarheit verspürte, bis sie die nächste Medikamentengabe wieder sedierte. Der Text dieser Kammeroper für ein Ensemble aus sechs kunstvoll ineinander verwobenen Frauenstimmen wird wie ein Menetekel an die weiße Bühnenwand projiziert (Bühnenbild Hannah Clark) und liest sich oft wie eine Diagnose aus dem Lehrbuch der Psychologie. Venables Musik, die sich synkretistisch zwischen Pop und Kammermusik bewegt und von Richard Baker hellwach dirigiert wird, ist nicht nur Krankheitsbefund, sondern auch Therapie: nach einem letzten Hass- und Gewaltausbruch gibt sie mit Kinderlied und Bachzitat der Hoffnung und dem Mitleiden Raum.

          Was Venables dem Stpück mit nur zwölf Musikern des Straßburger Opernorchesters und dem Technikteam für Einspielungen und Verstärkung an orchestralem Raffinement entlockt, ist ein veritables Anti-Depressivum: eine vor allem rhythmisch bestimmte Musik mit zwei seitlich positionierten großen Trommeln, die den Sprachrhythmus wie Morsezeichen aufnehmen. Plötzlich blitzt Kirmesmusik auf; Saxophongeschwader, Geräusche wie bei einem Senderausfall, Keyboard, Glocken, Horrormusik, Sakralaura. Unterstützt von einer krassen Lichtdramaturgie folgt die Musik einem nichtlinearen Verlauf zwischen Angst, Liebes- und Todessehnsucht und Einsamkeit. Das Finale gleich einer Abschiedssinfonie en miniature mit tödlichem Ausgang. Nach und nach verlassen die Protagonistinnen die Bühne, verstummen die Instrumentalisten. Was bleibt, ist ein Seufzer.

          Mit „Arte concert“ kommt Musik für alle Geschmäcker ins Fernsehen

          Eine zweite Institution macht Straßburg zur Opernkapitale: der Sender Arte, der ein Zeichen gegen den grassierenden Kulturpessimismus und den resignativen Trend der öffentlich-rechtlichen Sender setzt. Mit der digitalen Plattform Arte concert erfüllt sich für Wolfgang Bergmann, Koordinator von Arte/ZDF und Geschäftsführer von Arte Deutschland, eine langgehegte Vision: die Schaffung eines europäischen Musikkanals, der jetzt mit vielen neuen Ideen ausgebaut wird. Zu den beiden Hauptsprachen Französisch und Deutsch kommen Italienisch, Spanisch, Englisch und Polnisch. Damit hofft man, etwa siebzig Prozent der europäischen Nutzer zu erreichen. Und das Angebot lässt sich sehen – bis zu tausend Konzerte werden pro Jahr von Arte übertragen, bei fünf Livestreams pro Woche.

          Natürlich nicht nur Klassik. Mit Stolz verweist man auf die Heavy Metal-Community, die ähnlich spezialisiert und anspruchsvoll sei wie die Operngemeinde. Zwei Highlights richten sich speziell an diese: arte opera und die „Summer Festivals“ mit Übertragungen aus den einschlägigen Festspielorten wie Salzburg, Aix-en-Provence, Baden-Baden, Luzern. Eine voriges Jahr abgeschlossene Kooperation mit zweiundzwanzig europäischen Opernhäusern von Helsinki bis Madrid, von Wexford in Irland bis Budapest ermöglicht jeden Monat neue Produktionen, wobei man Wert darauf legt, nicht nur Repertoirerenner wie „La Traviata“ oder „Die Zauberflöte“ abzubilden. Ganz mutig ist man im November dieses Jahres, wenn ein Querschnitt aus dem Querschnitt präsentiert wird: neunzig Minuten aus dem dreitägigen Stockhausen-Fest „Aus Licht“ in Amsterdam (FAZ vom 6. Juni 2019). Aus Straßburg selbst kommt „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla, aus Prag die tschechische Nationaloper „Dalibor“ von Bedrich Smetana, aus Wien die „Leonore“, die Erstfassung von Beethovens „Fidelio“.

          Auch für das Beethoven-Jubiläum hat sich Arte concert ein besonderes Event ausgedacht, die Aufführung aller neun Sinfonien am 21. Juni 2020, stündlich ab 13 Uhr, „from all over Europe“. Den Anfang macht Bonn, allerdings nicht mit dem dort ansässigen Beethoven-Orchester, sondern mit dem Mahler Chamber Orchestra. Das große Finale mit der Neunten um 21 Uhr ist den Wiener Philharmonikern unter Andris Nelsons vorbehalten. Außerdem wird auf arte concert eine globale Sicht auf Beethoven eingerichtet, ein kompletter Kanon seiner Werke mit Opuszahlen, gestaffelt nach jederzeit abrufbarem Hauptwerk, erweitertem und unbekanntem Repertoire, das nicht das ganze Jahr über verfügbar sein wird. Für den Kenner ist freilich dieses Kapitel, für dessen Einspielung auch hochbegabte Studenten engagiert wurden, das wichtigste. Vielleicht verirrt sich sogar einmal ein Wacken-Fan dorthin.

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