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30. Rudolstadt-Festival : Kritischer Turbofolk

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Jeder Jeck ist anders: Die kubanische Musikerin Mirta Junco Wambrug mit dem Kölschen Kollektiv Humba Reggae Jeckness in Rudolstadt Bild: Frank Szafinski

Das dreißigste Rudolstadt-Festival hatte den Länderschwerpunkt „Titos Erben“, lockte raffiniert mit den Klischees von Balkanmusik – und zertrümmerte die dann kenntnisreich. Musiker aus Kuba kamen auch.

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          Clanmusikalität zeigte sich am vergangenen Wochenende in der Thüringer Provinz. Berühmte Musikerfamilien traten zum Länderschwerpunkt des Weltmusikfestivals in Rudolstadt auf. Der hieß „Titos Erben“, eine musikalische Reise in die Nachfolgestaaten des vor dreißig Jahren implodierten Vielvölkerstaats Jugoslawien.

          Nach zwei Jahren Pandemiepause wurde in Rudolstadt auch dreißigster Geburtstag gefeiert, denn 1991 gab es erstmals in Rudolstadt ein „Tanz&Folk-Fest“. Die DDR war gerade untergegangen, da hatten sich in Bad Hersfeld, damals noch offiziell „Zonenrandgebiet“, Folkmusikenthusiasten aus Ost und West getroffen. Sie planten, das seit den Fünfzigerjahren in Rudolstadt stattfindende DDR-Tanzfest mit neuem Konzept weiterzuführen. Und etablierten ein Festival, das die „Zeit“ einmal „Das schönste Kind der deutschen Einheit“ nannte. Bernhard Hanneken, künstlerischer Leiter des Festivals, verwendet das Zitat jetzt als Buchtitel und schildert die Geschichte mit Insiderkenntnis.

          Warum Rudolstadt?

          Kurz vor dem Festival erhielt das Organisationsteam einen Anruf, den es erst für einen Scherz hielt: Es sollte endlich mal „die Friedel“ gewürdigt werden, die das Fest nach Rudolstadt gebracht habe. Die Frau gibt es tatsächlich; sie war nun Ehrengast und erzählte die Vorgeschichte des Festivals. Erich Janitz, ein aus der Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg stammender Tanzlehrer, arbeitete in Leipzig im Laienkunsthaus des DDR-Kulturministeriums und plante 1954 ein gesamtdeutsches Tanztreffen. Die heute fast neunzigjährige Elfriede Leinhos war seine Mitarbeiterin und hatte Rudolstadt, ihren Schulort, in guter Erinnerung: über der Stadt die Heidecksburg, an der Saale ein Park und in der Stadt der Marktplatz des Residenzstädtchens. „Und ich hatte eine Regenvariante“, erläuterte Leinhos gegenüber der F.A.Z.; man könne in große Kulturhäuser der Umgebung wie in das des Stahlwerks Maxhütte ausweichen. Tags darauf war beschlossen, dass 1955 in Rudolstadt ein „Fest des Deutschen Volkstanzes“ stattfindet.

          Viel getanzt wurde auch dieses Jahr in Rudolstadt. Und dennoch war nach der zweijährigen Unterbrechung nicht alles wie gewohnt. Das Dauerkartenkontingent war auf 20.000 reduziert, die Preise waren um fünfundzwanzig Prozent erhöht worden. Aber die Produktionskosten waren über dreißig Prozent gestiegen. Erstmals war das Festival nicht mehr ausverkauft. Und auch Kriegsturbulenzen prägten das Festival. Die in Lemberg geborene Sängerin Mariana Sadovska hatte mit Freunden ein „Konzert für die Ukraine“ arrangiert, das Samstagabend stattfand. Sonntagabend traten die russischen Punkerinnen von Pussy Riot auf, mit der Performance, die sie in München gezeigt hatten (F.A.Z. vom 19. Mai). Das Interesse war groß, aber die Ratlosigkeit auch, allein schon, weil die Videoinstallation bei Tageslicht unsichtbar war. So blieb es bei lautem Sprechgesang mit Schlagzeug- und Saxophonuntermalung in russischer Sprache, den kaum jemand verstand, aus dem man nur hundertfach den Namen Putin heraushören konnte. Eine gemeinsame Solidaritätsveranstaltung war von ukrainischer Seite abgelehnt worden. Auch die Veranstaltung über Kultur in der Putin-Ära mit Maria Aljochina von Pussy Riot wurde abgesagt, da ukrainische Künstler nicht mit russischen auftreten wollten.

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