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Wagners „Tristan und Isolde“ : Ohne Rettungsboot auf dem inneren Ozean

In modernen Inszenierungen kann der innere Ozean auch in Magenta erstrahlen: „Tristan und Isolde“ 2014 am Staatstheater Darmstadt Bild: Barbara Aumüller

Der Welt holdester Wahn: Mit seinem Musikdrama „Tristan und Isolde“ ist Richard Wagner der Liebe vor hundertfünfzig Jahren wirklich auf den Grund gegangen.

          5 Min.

          Die Liebe ist eine Krankheit, die von der Menschheit immer noch nicht unter Kontrolle gebracht worden ist. Man braucht sie als Virus, der Familien stiftet, und als Klebstoff, der sie zusammenhält. Doch weder Verbote noch Permissivität haben sie bis heute davon abbringen können, unerwartet Individuen zu überfallen, die sich durch ein geordnetes Leben oder eine starke Immunabwehr vor ihr geschützt glaubten. Manchmal wirft die Liebe ihre Opfer nieder, manchmal zeichnet sie sie für den Rest ihrer Tage. Die Liebe macht die Leute lächerlich und verschönert sie zugleich; sie begründet Mesalliancen, rüttelt an Verträgen; persönliche Pflichten, gesellschaftliche Normen gelten ihr als Verrat. Sie ist immer anders, kennt Tausende von Varianten, aber stets lässt sie die von ihr Getroffenen an kosmischen Prozessen teilhaben und erinnert daran, dass die Erde keine Scheibe ist.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit dem „Tristan“, der vor hundertfünfzig Jahren in München uraufgeführt wurde, hat Richard Wagner der Liebe ein kolossales Denkmal gesetzt. Er nannte sie den schönsten aller Träume oder, mit den Worten seiner Figur Kurwenal, „der Welt holdesten Wahn“. Wagner selbst wurde oft von ihr heimgesucht. Schon in seinen romantischen Opern versuchte er, der psychophysischen Zwienatur der Liebe und ihrem Bestreben, das nicht Vereinbare zusammenzubringen, auf den Grund zu gehen. Katalysator für den „Tristan“ war Wagners Passion für Mathilde Wesendonck, die junge Gattin seines Züricher Mäzens. Seine Muse verfasste liebespeinerfüllte Gedichte, und er komponierte mit den hingebungsvoll zerquälten Wesendonck-Liedern den Proto-Tristan. Nach der Trennung ließ er jenen „Wahnsinn“, worin er, wie er der Geliebten schrieb, sich allein zu Hause fühlte und der ihm umgekehrt alles Persönlichkeitserhaltende wahnhaft erscheinen ließ, sich in der Tristan-Partitur „ausrasen“ – um unsere Harmoniewahrnehmungsfähigkeit zu schärfen.

          Im Streben nach Glück und Erfüllung

          Liebte Wagner Mathilde wirklich oder durch sie hindurch sein Werk, die Musik? Das scheint kein Widerspruch zu sein. Im „Tristan“ schildert Wagner die Liebe als Schöpfungsprozess. Er unterbrach die Arbeit an einem anderen Schöpfungsdrama, der Ring-Tetralogie, das er danach in einer vom „Tristan“ gezeichneten Weise zu Ende führte. Die Philosophie Schopenhauers hatte ihm eröffnet, dass wir von einem Naturwillen getragen, getrieben und betrogen werden, dass wir im Streben nach Glück und Erfüllung nur Chimären nachjagen. Im „Tristan“ nimmt er das Wirken der zwischenmenschlichen Triebkraft unter die Lupe und vergrößert es zum Bild einer interstellaren Reaktion.

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