https://www.faz.net/-gqz-a61m1

150 Jahre Philharmonie Dresden : Hören in Zeiten der Einsamkeit

Vor leeren Reihen spielte die Dresdner Philharmonie zum Jubiläum auf - nur für die Kameras. Bild: dpa

Marek Janowski und sein Orchester feiern in einem Geisterkonzert 150 Jahre Dresdner Philharmonie. Orchester und Dirigent wissen zu begeistern und zeigen mit der Auswahl der Stücke großes Symbolbewusstsein.

          4 Min.

          Knisternde Nervosität in F-Dur, hektische Geschäftigkeit im rasenden Viervierteltakt, bloß nichts verkehrt machen, die große Welt guckt zu, immer wieder die Zuckungen auf den schwachen Taktteilen, Ausraster einer Angst des Misslingens, komponierte Psychosomatik einer Neurose – aber wie souverän, wie präzise, wie scharf in jedem Detail erfassen Marek Janowski und die Dresdner Philharmonie das Porträt des Bürgers Jourdain, das Richard Strauss zu Beginn seiner Orchestersuite nach Molières Komödie „Der Bürger als Edelmann“ gezeichnet hat! Die ganze Getriebenheit eines Aufsteigers, sein Vibrieren zwischen Ehrgeiz und Unbildung, einer Unbildung, die sich jederzeit eine Blöße geben könnte, treten einem hier vors Ohr. Dann die „türkische Musik“ der Bläser, jene tönende Erscheinung des Mamamouchi (klingt im Deutschen noch obszöner als in Molières französischem Original) – wie biegsam-zierlich kommt sie hier heraus und bleibt doch eindrucksvoll elefantös!

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Dresdner Philharmonie spielt bei diesem Gespensterkonzert – es sind nur Kameras im Saal und wir, ein Häuflein von Offiziellen – mit höchster Konzentration, die ein Feinmechaniker am Pult herstellt, allerdings mit Charme. Janowski lässt seinen Konzertmeister Wolfgang Hentrich hopsen und federn beim Tanz; er zeigt atmende Fürsorge für die Bläser, immer wieder Umsicht und Weitblick – besonders später, in der großen C-Dur-Symphonie von Franz Schubert – und bleibt doch so sparsam wie möglich in seiner Gestik. Unter seiner Leitung balanciert das Orchester bei Strauss’ Molière-Suite geschmackssicher zwischen Gefühl und Malerei, Bekenntnis und Karikatur. Die mittleren und tiefen Streicher, die den verliebten Cléonte vorstellen mit der Klangimitation eines alten Gambenconsorts, hat man selten so geheimnisvoll dunkel, so innig bebend gehört wie hier.

          Das Stück ist klug gewählt zur Feier von 150 Jahren Dresdner Philharmonie. Nicht, weil damit karikiert werden soll, dass die Bürgerschaft am 29. November 1870 endlich auch einmal Adel spielen wollte, als sie sich für den neu erbauten Gewerbesaal eine eigene Kapelle gönnte, statt die ehrwürdige Sächsische Hofkapelle – heute Staatskapelle – dazu zu bitten. Nein, weil in dieser Suite für knapp vierzig Musiker alle Solisten des Orchesters einen Auftritt haben, weil sich von der Piccoloflöte bis zum Triangel alle einmal verbeugen können, das Orchester sich als Gemeinschaft von Individuen selbst feiern darf. Besonders schön freilich ist, dass die Chronik der Dresdner Philharmonie damit prunken kann, dass der vierundzwanzigjährige Richard Strauss hier in der Spielzeit 1888/89 bereits dirigiert hat, lange bevor er an der benachbarten Hofoper seine legendäre Serie von Uraufführungen in Gang setzte.

          Chefdirigent Marek Janowski probt mit den Musikern der Dresdner Philharmonie im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes.
          Chefdirigent Marek Janowski probt mit den Musikern der Dresdner Philharmonie im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes. : Bild: dpa

          Adelheid Schloemann und Claudia Woldt haben zum Jubiläum des Orchesters ein Buch herausgebracht, das mehr als ein Staubfänger sein dürfte. Es geht weit hinaus über eine Auflistung eindrucksvoller Gastdirigenten wie Peter Tschaikowsky und Antonín Dvořák oder eine Parade der Chefs, die hier Großes geleistet haben wie Kurt Masur mit der Uraufführung von Friedrich Schenkers „Sinfonie (in memoriam Martin Luther King)“ oder Herbert Kegel mit der DDR-Erstaufführung von Arnold Schönbergs „Gurreliedern“.

          Weitere Themen

          Wucht ohne Ich-Sucht

          Konzert beim DSO Berlin : Wucht ohne Ich-Sucht

          Jahrelang diente Maxim Emelyanychev als Cembalist unter der Leitung von Teodor Currentzis. Sein Debüt als Dirigent beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zeigt, dass er sich klug emanzipiert hat. Mit dem Pianisten Francesco Piemontesi fängt er an zu zaubern.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock und Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau

          Besuch in Moskau : Frostige Atmosphäre zwischen Baerbock und Lawrow

          Annelena Baerbock und Sergej Lawrow waren zwar höflich zueinander aber nicht mehr. Die Gespräche waren wohl kaum mehr als ein gegenseitiges Vorhalten von Vorwürfen. Immerhin gibt es ein Zeichen im Hinblick auf die Ukraine.
          Roberta Metsola nach ihrer Wahl im Europäischen Parlament

          Roberta Metsola : Nicht klassisch konservativ

          Die Christdemokratin aus Malta hat gezeigt, dass sie Mehrheiten organisieren kann. Wer ist die neue Parlamentspräsidentin aus dem kleinsten Mitgliedstaat der Union?
          Frankreichs Bildungsminster Jean-Michel Blanquer am 11. Januar im französischen Parlament.

          Frankreichs Bildungsminister : Pandemie-Planung auf Ibiza

          Jean-Michel Blanquers verpatzte Pandemie-Planung für die Schulen hatte viele Franzosen empört. Nun kommt heraus: Der Bildungsminister entwarf sie offenbar von der Party-Insel Ibiza aus. In den Lehrerzimmern herrscht Aufruhr.
          Alles „gratis“? Wer der Propaganda von Wikimedia folgt, bezahlt einen Preis. Das gilt insbesondere für alle, die von  ihrem geistigen Eigentum leben müssen.

          Rechte an Gratis-Inhalten : Wikimedia pervertiert das Gemeinwohl

          Wikimedia plant die Kommerzialisierung ihrer Inhalte. Zugleich betreibt die Organisation heftiges Lobbying, um an hochwertige Gratis-Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender zu kommen. Das ruiniert die Filmschaffenden.