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100 Jahre „Pierrot lunaire“ : Auf vertrautem Fuß

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Der Komponist und seine mondsüchtige Muse: Arnold Schönberg (3. v.l.) und Albertine Zehme mit den Musikern der Uraufführung 1912 Bild: Arnold Schönberg Center

Vor hundert Jahren erlebte Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ seine Uraufführung. In einer Produktion der Salzburger Festspiele wird nun an diesen Meilenstein der frühen Moderne erinnert.

          Wer dieser Pierrot ist, das weiß man heute immer noch nicht genau. Ein „Pierrot lunaire“ kann entweder ein „mondsüchtiger Pierrot“ sein oder ein „Pierrot im Mondschein“. Arnold Schönberg hat sich eher an die erstere Lesart gehalten. Sein berühmtes Melodram, das erstmals am 9.Oktober 1912 in Berlin vor geladenen Gästen und dann am 16.Oktober 1912 öffentlich aufgeführt wurde, vor hundert Jahren also, gibt fragmentarische Einblicke in das Leben eines verrückten Mondsüchtigen.

          Einundzwanzig von insgesamt fünfzig Gedichten aus der Feder des belgischen Dichters Albert Giraud, von Otto Erich Hartleben ins Deutsche übersetzt, lieferten Schönberg die Textvorlage. Als die Schauspielerin Albertine Zehme Schönberg bat, die Gedichte für Klavier und Stimme zu vertonen, ließ er sie alsbald wissen, dass er das Projekt notfalls sogar ohne Honorar angehen würde - so begeistert war er von Hartlebens Übersetzung. Zum Glück erklärte sich Zehme damit nicht einverstanden.

          Rhythmus als zentrales Element

          Statt der von Zehme gewünschten Besetzung (Klavier und Sprechgesang) schwebte Schönberg allerdings etwas ganz anderes, Kühneres vor. Allmählich wuchs die Besetzung zu Kammerorchestergröße an, und für jedes neu hinzukommende Instrument musste Schönberg bei seiner Auftraggeberin um eine Budget-Erweiterung bitten.

          Schönbergs Besetzung ist denn auch recht unkonventionell, sie sieht eine Geige, Bratsche, Flöte, Piccolo, Klarinette, Bassklarinette, Klavier und Violoncello vor. Für die Sprechpartie des Pierrot sind keine exakten Tonhöhen angegeben, der Notenkopf wird durch ein nur vage die Tonlage anzeigendes Kreuz ersetzt. Dabei entpuppt sich die starke Rhythmisierung des Textes als zentrales Element der Komposition, weil er die auseinanderstrebenden Farben und Handlungsfäden zusammenhält.

          „Solarplexus der Moderne“

          Schönbergs „Pierrot lunaire“ avancierte schnell zum Inbegriff des modernen Melodrams und zu einem Schlüsselwerk der frühen Moderne. Das Arnold-Schönberg-Center in Wien widmet der Entstehungs- und Aufführungsgeschichte derzeit sogar eine eigene Ausstellung (bis 4.Januar 2013). Aus Anlass des Centenariums wurde kürzlich auch die Verfilmung einer bemerkenswerten „Pierrot lunaire“-Aufführung bei den Salzburger Festspielen 2011 auf DVD veröffentlicht, produziert von Matthias Leutzendorff und Christian Meyer. Interessanter noch als der Mitschnitt der Aufführung ist der knapp einstündige Dokumentarfilm „Solarplexus der Moderne“, der während der vorangegangenen Probenarbeit auf Schloss Elmau in Oberbayern entstanden ist und die Musiker unter Leitung der Pianistin Mitsuko Uchida bei der Arbeit zeigt.

          Es lohnt sich, diese Dokumentation als Einführung zuerst anzusehen. Jeder Musiker nimmt sein Instrument zur Hand und erklärt, was es zu tun hat. Die Instrumente und ihre Bedeutung in der Komposition werden einzeln vorgestellt und erläutert, in weiteren Interviews kommen außerdem Schönbergs Kinder Nuria Schönberg-Nono und Lawrence Schoenberg zu Wort.

          Mitsuko Uchida widmet sich der Schönbergschen Musik mit Begeisterung, sie spricht von „Pierrot“, als sei er ein guter alter Bekannter, und ist dabei auch mit Schönberg fast per Du: „Intellektuell wollte er so sein wie Johann Sebastian und Ludwig“, erklärt sie hingerissen und ist dabei mit den großen Musikern offenkundig auf persönlich vertrautem Fuß.

          Auch Barbara Sukowa ist ganz in ihrem Element. Sie beherrscht die Kunst, laut zu sein, ohne zu brüllen, und meistert den immensen emotionalen Ambitus der Sprachmelodie überzeugend, wenn sie ihre Stimme scheinbar ohne Schwierigkeiten durch die Register gleiten lässt. Höhepunkt ihrer Darbietung ist „Der kranke Mond“, das einem Duett ähnelnde Zwiegespräch von Stimme und Flöte, in dem beide unglaublich dicht kommunizieren, bewusst eine „extreme Schmalziness“ erzeugend, wie es die amerikanische Flötistin Marina Piccinini treffend formuliert. Danach herrscht eine Stille, die uns buchstäblich die Luft anhalten lässt.

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