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Büchner-Preis 2004 für Wilhelm Genazino : Schwebeforscher und Zweifelschützer

Neuer Büchner-Preisträger: Wilhelm Genazino Bild: dpa

Seine „Abschaffel“-Trilogie machte ihn bekannt, vielen gilt er als einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes. Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an Wilhelm Genazino.

          So entschlossen unentschlossen, so gezielt absichtslos, so dauerhaft dem Provisorischen zugeneigt, so hartnäckig dem Beiläufigen verbunden wie Wilhelm Genazino ist kein anderer deutscher Autor. Mit geradezu eisern anmutendem Griff hält Genazino die Dinge, die er beschreibt, in der Schwebe. Weniger, weil sie dort hübscher aussehen und besser zu beobachten sind, als vielmehr, weil sie seiner Ansicht nach dort hingehören. Für Wilhelm Genazino ist der Schwebezustand der natürliche Lebensraum der Dinge, aber auch der Menschen. Das Eindeutige ist immer ein Konstrukt, ein fauler Kompromiß, der geschlossen wurde, um das Leben erträglicher zu machen. Denn es gehört ja auch Mut und Kraft dazu, sich einzugestehen, daß wir nie so recht wissen, was eigentlich los ist.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Helden sind Titanen

          Auf den ersten Blick sind Genazinos Helden rechte Jammerlappen, tagträumende Berufsverweigerer, auf ganzer Linie Gescheiterte. Aber bei genauer Betrachtung zeigt sich ihre Größe: Es sind wahre Titanen, wenn es darum geht, die eigenen Schwäche auszuhalten. Mit dem schönen Selbstbewußtsein der Schüchternen fordern sie "grenzenloses Recht auf Unentschlossenheit", wie ihr Erfinder es in einem seiner Aphorismen formuliert hat. Zweifel werden von Genazinos Figuren nicht ausgeräumt, sondern ausgehalten, ja, sie werden sogar liebevoll gehegt und gepflegt, als gehörten der Zweifel, das Ungewisse, das Vieldeutige einer vom Aussterben bedrohten Tierart an.

          Im August 1996 wurde Genazino neuer Stadtschreiber des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim

          Wenn die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung jetzt Wilhelm Genazino, Schwebeforscher und Zweifelschützer aus Mannheim, wo er im Jahr 1943 geboren wurde, mit dem Büchnerpreis auszeichnet, kommt diese Entscheidung nicht sonderlich überraschend. Seit drei Jahren, seit im Jahr 2001 sein Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag erschien, hat sein Werk wieder deutlich mehr Beachtung und Anerkennung gefunden, als dies in den neunziger Jahren der Fall war. Nach dem frühen Erfolg der siebziger Jahre, als in in rascher Abfolge die "Abschaffel"-Trilogie entstand ("Abschaffel", "Die Vernichtung der Sorgen", "Falsche Jahre"), eine Chronik des Alltagslebens und der Angestelltenwelt der Bundesrepublik, war es ein wenig still geworden um Genazino, der drei Jahrzehnte in Frankfurt lebte, bevor er 1998 nach Heidelberg zog.

          Anschauung und Beobachtung

          Wie wenige Autoren neigt Genazino dazu, seine Poetik offenzulegen und sein literarisches Programm auszustellen. Sein jüngster, gewiß stark autobiographisch grundierter Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" (2003) beschreibt den Werdegang eines jungen Mannes, der sich über die Beobachtung seiner Umwelt der Literatur nähert. Es ist ein in der Frühzeit der Republik angesiedelter Bildungs- und Künstlerroman, der ausformuliert und veranschaulicht, was sein Autor über ein Jahrzehnt zuvor mit einem Satz gesagt hat: "Einfälle entstehen durch langes Schauen." Hinter der schlichten Formulierung verbirgt sich die Überzeugung, Literatur bedürfe der Anschauung und Beobachtung mehr als der Eingebung. Wie Thomas Mann ist der leidenschaftliche Spaziergänger Genazino der Ansicht, literarische Phantasie erweise sich nicht in der Erfindungskraft, sondern in der Fähigkeit, sich aus den Dingen etwas zu machen.

          "Vom Ufer aus", wie ein 1990, erschienener Aphorismenband betitelt ist, betrachtet Genazino das Spiel der Wellen, das ihm umso spektakulärer erscheint, desto weniger Bewegung es aufweist. Auch in diesem Band dominieren die Themen, die Bücher aus den neunziger Jahren wie "Das Licht brennt ein Loch in den Tag" (1996) mit den jüngsten Werken verbinden. Immer wieder kreist Genazino um die oft mit Untätigkeit verwechselten Tätigkeiten des Schauens, Beobachtens, Flanierens, Abwägens, um die Seelenzustände der Scham und der Peinlichkeit, der Leere und Langeweile, der Todesangst, um die Bewegungen des Schwebens, Verschwindens, Überdauerns.

          Der Verlust des Nichtauszudeutenden

          Damals, 1996, ließ Genazino seinen Erzähler aus Angst vor dem Gedächtnisverlust seine wichtigsten Erinnerungen in Briefen an Freunde verteilen. Damit verband er die Hoffnung, sie würden ihm, was er zu vergessen fürchtete. eines Tages wiedererzählen und somit zurückerstatten. Aber seltsamerweise berichtet der Erzähler nun lauter Episoden aus seinem Leben, die rätselhaft sind, keinen rechten Sinn ergeben und der Deutung harren. So bewahrt er sich ein Reservoir des Unverstandenen, denn nichts fürchtet er mehr als den Verlust des Nichtauszudeutenden. Nicht viel anders, aber zuversichtlicher, sieht es fünf Jahre später der Erzähler des schmalen Romans "Ein Regenschirm für diesen Tag", wenn er sagt: "Alles, was andauert, muß seltsam werden." Für das Werk Genazinos gilt aber auch die Umkehrung dieses Satzes: "Alles, was seltsam (genug) ist, wird von Dauer sein."

          Respekt vor Genazinos Beharrlichkeit

          Fast vierzig Jahre ist es her, daß Wilhelm Genazino, damals dreiundzwanzig Jahre alt, in dieser Zeitung eine kurze Erzählung mit dem Titel "Napoleon" veröffentlichte. Sie handelt von einer Frau, die ihren betrunkenen Mann in einen Bus schleppt, aus dem sie ihn einige Haltestellen später wieder hinausbugsiert. Hinten, in einer der letzten Reihen, sitzt der Erzähler; er "sah von allen Fahrgästen nur den Hinterkopf". Jetzt wird diesem beharrlichen Beobachter der bedeutendste deutsche Literaturpreis zugesprochen, der mit 40 000 Euro dotiert ist. Keine seltsame Entscheidung, sondern eine, die Respekt bezeugt vor der Dauer dieses Werks und der Beharrlichkeit, mit der sein Schöpfer das grenzenlose Recht auf Unentschlossenheit verteidigt.

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