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Debatte über Unsterblichkeit : Sollen wir uns ein immer längeres Leben wünschen?

  • -Aktualisiert am

Auch ein Gedankenexperiment über Auswirkungen biomedizinisch geplanter Lebensverwaltung: Uma Thurman in „Gattaca“ aus dem Jahr 1997. Bild: Imago

Zwei Bücher gehen auf sehr unterschiedliche Weise der Frage nach, was extreme Lebensverlängerung durch die neue Medizin für uns bedeuten könnte. Sie markieren zwei Pole einer sich verengenden Debatte.

          Die entsprechenden Biotechniken existieren zwar längst noch nicht, aber Ethiker spielen die Möglichkeit bereits lustvoll durch: Wie lebte es sich damit, die menschliche Sterblichkeit über lange Zeiträume aufschieben zu können? Und sollten wir den Tod ganz abschaffen, wenn wir es könnten? Ist Unsterblichkeit ein moralisch vertretbarer Wunsch?

          Zwei Neuerscheinungen widmen sich diesen Fragen. Die umfangreiche Habilitationsschrift des Bonner Philosophen Sebastian Knell prüft die individuelle Wünschbarkeit eines stark verlängerten oder sogar biologisch unsterblichen Lebens und kombiniert dies mit Überlegungen zu Gerechtigkeitsfragen, die sich aufgrund des sicher knappen Zugangs zu den entsprechenden Behandlungsmethoden stellen. Sein Ja zur Lebensverlängerung bleibt vorsichtig, Schritte in Forschungen hinein, deren Ergebnis nicht allen Menschen zugutekommt, sieht er skeptisch. Der deutlich kürzere Essay der Kölner Philosophin Marianne Kreuels ist eine Streitschrift: Alle traditionellen Argumente werden abgeräumt, die vor der Unsterblichkeit warnen. Kreuels hält nicht nur eine Welt ohne Alterung für wünschenswert, sie erwartet auch fürs individuelle Lebensgefühl kaum Veränderungen, fiele der biologische Tod weg.

          Aufsummierung schöner Ereignisse?

          Was die Autoren zugeben: Zum einen bliebe auch in einer Welt biomedizinischer Lebensverlängerung der Tod durch Unfall, Infektionskrankheit oder Tötung bestehen. Ein vollständiger Sieg über jegliches Sterben ist nicht möglich. Allein der Alterstod verschöbe sich oder verschwände, und - geordnete, friedliche Verhältnisse vorausgesetzt - die Lebenserwartung stiege an. Zum Zweiten bewegt sich eine Moralphilosophie der Entfristung der Lebenszeit von vornherein auf spekulativem Gebiet, muss Vermutungen anstellen (Knell) oder Gedankenexperimente konstruieren (Kreuels).

          Wie Knell darlegt, führt die Frage der Wünschbarkeit auch nur einer verdoppelten Lebensspanne in verzweigte Probleme. Denn klammert man Pflichten oder Präferenzen im zeitlichen Nahbereich aus: Was zählt? Bewusster Lebensvollzug als solcher begründet weder Lebensglück noch bedingungslos einen Lebenswunsch. Geht es also etwa um die Aufsummierung schöner Ereignisse, für die dann mehr oder sogar unbegrenzt Zeit wäre? Oder betrachte (und genieße) ich mein Leben nicht mit Hilfe eines ganzheitlichen Maßes?

          Anti-Aging-Forschung statt Gesundheitsvorsorge?

          Weder in der einen noch in der anderen Perspektive ist es für Knell automatisch besser, deutlich länger zu leben. Erwartete Erlebnisse können ausbleiben, ein „Konto guter Erfahrungen“, das fortwährend aufgestockt würde, gibt es nicht - und auch das eigene Leben als gut bilanzieren zu können wird durch eine Verdopplung oder gar Entgrenzung der Lebensspanne nicht von sich aus wahrscheinlicher. Gleichwohl räumt Knell der Annahme, länger zu leben erhöhe zumindest die Chance auf erstrebenswerte Erlebnisse, eine gewisse Berechtigung ein. Auch haben gute Lebensinhalte nicht ohne weiteres einen Grenznutzen: Langeweile oder Überdruss müssen keine Folge eines sehr langen Lebens sein.

          Was ganzheitliche Wertungen angeht, erörtert Knell die Aspekte „Erfülltheit“ des Lebens, „Glück“ sowie „Eunarrativität“ - die hässliche Wortprägung meint die Frage, ob sich eine stimmig erzählbare Gesamtgestalt der eigenen Lebensgeschichte ergeben kann. Moderate Lebensverlängerungen, so ein Zwischenergebnis, würden das menschliche Leben in allen drei Hinsichten nicht in Schwierigkeiten bringen, teils sogar Vorteile bringen.

          Hemdsärmlige Beweisführung

          Ist also moderate biomedizinische Lebensverlängerung geboten? Soll Politik heute Geld in Anti-Aging-Forschung stecken, womöglich zu Lasten der Forschung an Infektionskrankheiten oder der Gesundheitsvorsorge? Wieder wägt der Autor vorsichtig ab: Das Leben zu verlängern gleicht nicht wirklich einer „Rettung“ von Leben, entsprechende moralische Zugzwänge zugunsten eines Todesaufschubs existieren also nicht. Auch werden vernünftige Gesundheitssysteme lebensverlängernde Therapieoptionen stets hinter solchen Therapien zurückstehen lassen, die den vorzeitigen Tod abwenden. Und die „Allokation“, also Verteilung, knapper Anti-Aging-Behandlungen wird schwierig werden. Spätestens im erreichten Fall einer mehrheitlich langlebigen Bevölkerung würden in einer fiktiven Zukunft eine gesellschaftliche Spaltung und ernste Diskriminierungen entstehen. So endet Knells Buch mit dem akademisch trockenen Fazit, „aus heutiger Sicht“ lasse sich „biotechnisch hinzugewinnbare Lebenszeit nicht als ein notwendiges Gut betrachten, das uns von einer empfindlichen Beschädigung unseres Menschseins befreit“.

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