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Novellen von César Aira : Die Gespenster werden gratis mitgeliefert

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Geister, Phantasmen, Phantasien, hausen in den Winkeln, auf den Schwellen und Giebeln der Haushalte. Ob man will oder nicht, kauft man sie für teures Geld mit ein. Bild: Picture-Alliance

César Airas zwei neue Novellen konzentrieren sich auf die Flüchtigkeit des Nichtigen. Der Autor zeigt sich wieder als gewohnter Meistererzähler.

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          Die Verführungskraft ist unwiderstehlich. Pünktlich zum siebzigsten Geburtstag von César Aira bringt sein deutscher Verlag Matthes & Seitz gleich zwei Novellen des großen argentinischen Schriftstellers heraus. Und die eine der beiden Erzählungen handelt von einem alternden Zauberer, der seinen letzten Zaubertrick, nachdem er dessen Geheimnis sein Leben lang gehütet hat, jetzt einem Nachfolger vermachen will. Der Autor als Zauberkünstler – was für ein verführerisches Angebot. Aber wir schlagen diese Offerte aus, um Aira als das zu preisen, was er tatsächlich ist: der gewiefteste und raffinierteste Ökonom unter den gegenwärtigen lateinamerikanischen Erzählern.

          Schon sein Romandebüt, 1981 unter dem Titel „Ema, la cautiva“ erschienen, was nicht nur die historische Bezeichnung für eine von Indianern Gefangene ist, sondern umgekehrt auch das Fesselnde, Gefangennehmende, ja Verzaubernde heißt, entpuppt sich als kalkuliert ausschweifende Wirtschafts- und Geldphantasie im Gewand der Verschleppungs- und Abenteuergeschichte. Auf Deutsch 2004 erschienen, ist sie gespickt mit Weltweisheiten wie: „Wenn man die Geschichte von allem hohlen Gefasel befreit, ist sie nichts als eine Folge von Zahlungen, je exorbitanter, desto besser. Das Einzige, was sich geändert hat, ist die Form und der Kredit.“ Tatsächlich mit einem heiklen Kredit gründet Ema am Ende der Erzählung mitten in der Pampa – wie man in diesem argentinischen Fall zu Recht sagen darf – ein Unternehmen.

          Auch Airas international bislang größter erzählerischer Erfolg, „Gespenster“, ist eine durch und durch ökonomische Novelle. Sie nimmt die Herkunft der Ökonomie von „oikos“, dem häuslichen Herd, beim Wort und erzählt die Geschichte eines Wohnhauses im Rohbau, das sich sechs Eigentümer in einer Kaufgemeinschaft mit einer chilenischen Hausmeisterfamilie teilen. Nicht etwa ein kommunistisches Gespenst geht um in Airas ökonomischem Gesellschaftsentwurf, sondern zahlreiche Gespenster öffnen die Möglichkeitsräume zu alternativen Lebensweisen: „Los fantasmas“, Geister, Phantasmen, Phantasien, hausen in den Winkeln, auf den Schwellen und Giebeln der Haushalte. Ob man will oder nicht, kauft man sie für teures Geld mit ein. Die Gespenster, ihren Spuk und die undefinierten Zwischenräume, in denen sie umgehen, muss man mit auf der Rechnung haben. Und derjenige, der mit ihnen rechnet, ist gerade nicht der klassische, sondern der erzählende Ökonom.

          Der argentinische Autor César Aira.

          Das Öffnen der phantasmatischen Zwischenräume und -zeiten kann man in jeder einzelnen Geschichte von Airas verfolgen. Und spätestens an dieser Stelle treffen sich doch Ökonomie und Zauberei, denn macht der Zauberer etwas anderes, als trickreich einen Raum zwischen Illusion und realem Erlebnis zu öffnen und, mit den Geistern rechnend, einem ein Phantasma für echt zu verkaufen?

          Zwei bis drei Erzählungen pro Jahr

          Tatsächlich unterliegt nicht nur César Airas literarische Produktion einer besonderen Ökonomie. Seit den neunziger Jahren verzichtet er darauf, Romane zu verfassen, und veröffentlicht stattdessen in schier unerschöpflich wirkender Produktivität zwei bis drei knapp einhundertseitige Erzählungen pro Jahr. Und in der Tat sind auch die beiden jetzt auf Deutsch erscheinenden Novellen von besonderer Erzählökonomie geprägt.

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