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Roman von Jussi Valtonen : Die spinnen, die Finnen

  • -Aktualisiert am

Das sieht harmlos aus: In einem Labor an der Universitätsklinik Jena werden optomotorische Reaktionen einer Maus gemessen. Die Tierversuche, mit denen sich Jussi Valtonens Romanheld beschäftigt, sind von anderer Natur. Bild: dpa

In Jussi Valtonens Roman „Zwei Kontinente“ kollidiert der Amerikaner Joe Chayefsk mit Europas Trägheit. Als Forscher wird er von Tierrechtsaktivisten bekämpft, dann legt er sich mit einem Medienkonzern an. Das gibt Kollateralschäden.

          Wenn ein Leben zusammenbricht, wirkt das fast immer plötzlich. Und ist es doch fast nie. Doch sie hat ihre Tücken, die Suche nach dem Anfang vom Ende. In der Welt des Neurowissenschaftlers Joe Chayefski, die Jussi Valtonen in überwältigender Detailfülle vor uns ausfaltet, scheint der haarfeine Riss, der dieses Leben später zersprengen wird, zunächst zwischen dem alten und dem neuen Kontinent zu verlaufen.

          Als junger Mann zieht der amerikanisch-jüdische Wissenschaftler trotz bester Aussichten auf eine Stelle an einer Westküsten-Eliteuniversität nach Finnland – einer Frau zuliebe. Der ehrgeizige Akademiker verzweifelt jedoch an der als hinterwäldlerisch karikierten, Ambitionen regelrecht bestrafenden finnischen Forschungslandschaft. Bald zerbricht auch seine Ehe. Die im wahren Wortsinn bodenständige Alina bleibt mit dem vom Vaterverschwinden traumatisierten Sohn Samuel in Helsinki zurück, während Joe schließlich in den Vereinigten Staaten Karriere macht und eine weitere Familie mit zwei Töchtern gründet: eine exemplarische Geschichte vom Scheitern zwischen den Kulturen und vom naiven Phantasma, noch einmal ganz neu beginnen zu können.

          Turbomoderne trifft auf Naturdepression

          Freilich verdeckt der fast folkloristisch anmutende Kulturkonflikt – Turbomoderne trifft auf versoffene Nationaldepression – eine andere, universale Problemlage: Joe scheitert nämlich geradezu prototypisch an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Er steckt alle Energie in den Aufbau seiner Karriere, die Frustrationen bringt er mit nach Hause. Da kommt das Gefühl der Heimatlosigkeit lediglich erschwerend hinzu. Beim zweiten Versuch klappt es nur deshalb besser, weil Joes Ehefrau Miriam ebenso tickt wie er – bis auch hier die Frage nach den Prioritäten im Raum steht und die Vergangenheit ihren Tribut einfordert. Die Biographie als Kollateralschaden.

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          Weitere Risse tun sich jenseits des Familiären auf. So gerät Joe in Konflikt mit der ethischen Frage nach den Grenzen der Wissenschaft, denn seine Forschungsabteilung führt im Namen der Medizin Tierversuche durch, die mitunter wenig bringen wie im Fall der mit Stromschlägen erblindeten Katzen: „Die übrigen Katzen hatten dann leider keine so klaren Reaktionen gezeigt, und als die Tiere am Ende des Versuchs eingeschläfert wurden, fiel auch die histologische Gewebeprobe so diffus aus, dass sich nichts Signifikantes ableiten ließ.“ Tierrechtsaktivisten verleitet das zu immer aggressiveren Aktionen gegen Joe persönlich. Wir sehen, wie die geballte Anfeindung eine Identität verändern kann. Aus dem Linksliberalen wird ein verängstigter, verbitterter Radikaler. Das hat Auswirkungen auf die neue Familie, reißt sie in den Strudel von Hass und Hilflosigkeit mit hinein.

          Da ist außerdem Joes Open-Access-Kampagne gegen einen monopolistischen Wissenschaftsverlag, der Universitäten horrend teure Zeitschriftenabonnements aufzwingt. Doch scheint der Protagonist dabei den größeren Gegner zu übersehen, einen allwissenden Medienkonzern, der wie der maliziöse Nachfahre von Google, Apple und Facebook erscheint und auch noch obskure Beziehungen zu einem Pharmaunternehmen unterhält, das Kindern Medikamente zur Optimierung ihres Soziallebens andreht. Mit dem direkt mit den Neuronen im Gehirn verschalteten Kommunikations-Device „iAm“ ist die Erzählung – auch wenn das zeitlich nicht ganz aufgeht – ein gutes Stück in die Zukunft hinein imaginiert. Pikanterweise haben Joes Forschungen zur Entwicklung dieses totale Immersion, aber damit auch totale Kontrolle des Nutzers erlaubenden Geräts beigetragen.

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          Trotz aller Technologie-, Medien- und Gesellschaftskritik ist das Markenzeichen dieses in wechselnden Perspektiven extrem subjektiv erzählten Buches die Introspektion: „Zwei Kontinente“ ist ein psychologischer Roman in Reinform, so rein sogar, dass ihm zeitweise das Romanhafte abgeht. Das mag sich als professionelle Deformation erklären, denn Valtonen hat viele Jahre als Psychologe gearbeitet. Am stärksten ist das Buch jedenfalls, wenn es beschreibt, wie eine Beziehung aus dem Gleichgewicht gerät, wie sich Missverständnisse aufschaukeln oder Verletzungen verselbständigen.

          Alina beispielsweise, die sich zurückgesetzt fühlt, entwickelt eine regelrechte Obsession angesichts der jungen, aufreizenden Assistentin ihres Mannes: nicht ganz zu Unrecht, doch auch nicht wirklich begründet. Auch so aber werden Fakten geschaffen. An anderer Stelle – in diesem Falle Samuel betreffend – führt der Autor aus, welchen Weltuntergang das Ende der ersten Liebe bedeutet. Die Aktivisten wiederum bewegen sich ebenso in ihrer Filterblase wie Joes Wissenschaftscommunity, ein argumentativer Austausch scheint unmöglich. Alle Konflikte laufen so lehrbuchartig ab und werden so einfühlsam geschildert, dass die meisten Leser eigene Erfahrungen wiedererkennen dürften. Auch was auf den ersten Blick pessimistisch wirkt, ist vielleicht nur realistisch: der Umstand, dass ein Streit hier stets so lange schwelt, bis er die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Dass Valtonens Helden Hellsichtige sind, die um die eigene Fehlbarkeit und um die Auswirkungen ihres Verhaltens wissen, hilft ihnen wenig: Die Vorwürfe finden stets ein Ventil.

          Das Problem besteht darin, dass das Buch mehr sein möchte als ein feinsinniger psychologischer Familienroman, nämlich eine Gesellschafts- und Gegenwartsanalyse en gros. Dazu fehlen ihm jedoch das Format und die stilistische Raffinesse. Die Symbolik ist oft geradezu grobschlächtig, man denke nur an die über den gesamten Roman ausgezogene Idee mit der Zikadenplage, die als biblisch-apokalyptische Heimsuchung über das Land der Freiheit herfällt. Die eher journalistischen Partien, die sich technischen Neuerungen widmen, wirken oft platt und angestückt. Weil beispielsweise noch ein Pflegeroboter vorkommen sollte, wurde ein für die Geschichte nicht weiter bedeutsamer Pflegeheiminsasse – Alinas Vater – hineingeschrieben. Auch in Bezug auf Joes Töchter trifft eine profunde Analyse pubertären Aufrührertums auf unkreative Ausführungen zum Sexting oder zur Internetabhängigkeit. Zwischenzeitlich droht der Roman sogar gänzlich zu verläppern, wenn er etwa zusammenhanglos über viele Seiten Hate-Speech-Kommentare aus einem kirchlichen Internetforum anführt. Der Autor hätte das Buch auf die Hälfte seines Umfangs und Anspruchs stutzen sollen.

          Die Radikalisierung des hochintelligenten, konsumkritischen Samuel wiederum lässt sich in ihren Wendungen gut nachvollziehen. Das ist wichtig, denn nur so kommen die beiden Erzählstränge wieder zusammen: Nicht nur das FBI vermutet, dass Samuel, der seinen Vater nie wiedergesehen hat, hinter den immer bedrohlicher werdenden Anschlägen stecken könnte. In der Schlussphase zieht das Tempo dann noch einmal kräftig an und mündet in ein furios dramatisches Finale, in dem – der Preis für all die turbomoderne Hysterie – gleich mehrere Leben zerstört werden. Die spinnen, die Finnen, aber mit Niveau.

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