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Dschihadismus im Nahen Osten : Krieg gegen Terror kommt immer zu spät

IS-Kämpfer in Mosul Bild: Reuters

Zwei Autoren schreiben über die Lage im Nahen Osten. Doch während der eine vor allem lokale Ursachen im Blick hat, sieht der andere nur die „Machenschaften“ der Staatengemeinschaft.

          4 Min.

          Diese beiden Blicke auf den Nahen Osten könnten unterschiedlicher nicht sein. Dabei stammen beide Autoren aus der Krisenregion, leben aber seit langem in Deutschland. Aktham Suliman, geboren in Damaskus und von 2002 bis 2012 Korrespondent des Nachrichtensenders Al Dschazira in Berlin, macht für die Kriege und das Chaos im Nahen Osten „ausländische Mächte“ verantwortlich; er wirft ihnen vor, ein großes Komplott gegen die arabische Welt geschmiedet zu haben. Hingegen sieht Omid Nouripour, geboren in Teheran und Bundestagsabgeordneter der Grünen, die Regime des Nahen Ostens als verantwortlich für den Kollaps in der Region an. Er räumt jedoch ein, dass die westliche Politik einen Beitrag dazu geleistet habe und daher überprüft werden müsse.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Suliman will seine Darstellung der Kriege als den „Lebenslauf des Todes im Nahen Osten“ verstanden wissen. Der habe mit dem Zweiten Golfkrieg 1991 begonnen. Damals, bei der Befreiung von Kuweit, hätten die Amerikaner die Weichen für das „Amerikanische Jahrhundert“ gestellt, und seither befinde sich die arabische Welt in einem „Dritten Weltkrieg“, der nahtlos an den Kalten Krieg anknüpfe, der 1991 zu Ende gegangen ist.

          Dieser Dritte Weltkrieg diene dazu, die Herrschaft des Westens über den Nahen Osten zu errichten. Der Autor unterscheidet verschiedene Formen von Krieg: Der Zweite Golfkrieg sei ein Antwortkrieg auf die irakische Invasion gewesen; der Anti-Terror-Krieg von 2001 an ein Vergeltungskrieg; der Irak-Krieg 2003 ein Präventivkrieg; der Libyen-Krieg ein Schutzverantwortungskrieg; der Syrien-Krieg eine Mischung aus Bürger-, Demokratisierungs- und Anti-IS-Krieg.

          Dschihadismus mit lokalen Ursachen

          Nouripour stellt indessen den Terror in den Vordergrund, und für den macht er die autokratischen Regime des Nahen Ostens verantwortlich. Sie produzierten Korruption, herrschten mit Repression und zeichneten sich durch schlechte Regierungsführung aus. Instabilität sei die Folge. Das alles spiele den Dschihadisten in die Hände, die mit ihrem Gegenentwurf zu den repressiven Staaten Anhänger finden. Nouripours großes Thema ist, dass der Dschihadismus und der Terror lokale Ursachen haben, er zeigt das anhand von fünfunddreißig Länderstudien. Man könne dem Terror nicht mit dem immer gleichen Rezept begegnen, argumentiert er.

          Zu Recht hält Nouripour den „Krieg gegen den Terror“ für gescheitert, mit fatalen Folgen für uns alle. Er bezeichnet ihn als ein irreführendes Etikett für einen außenpolitischen Aktionismus unter Führung der Vereinigten Staaten. Aus ihm sei fatalerweise – mit Interventionen und Bombardements – letztlich ein „Krieg für den Terror“ geworden, da er ja den Terroristen in die Hände spiele. Statt immerzu kurzatmig neue Koalitionen für Interventionen zusammenzuzimmern, will Nouripour weiter denken – geopolitisch, sozial, ökonomisch. Und er warnt: „Im Kampf gegen den Dschihadismus rennt uns die Zeit davon.“

          In seinem Buch entwirft Nouripour eine neue Strategie gegen den Dschihad. Zum einen empfiehlt er ein „entglobalisiertes“ Vorgehen, das in jedem Land die besonderen lokalen Umstände in den Blick nimmt. Zum anderen müsse man sich um die Köpfe und Herzen jener bemühen, die sonst bei den Dschihadisten landen würden. Die militärische und polizeiliche Arbeit sei gewiss notwendig; aber weit über sie hinaus gehe es um langwierige Arbeit, die nicht an der Front und ganz ohne Waffen stattfinde.

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