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Graphic Novel „Tschechenkrieg“ : Zwei Brüder sehen rot

Um an Waffen zu gelangen, ist den Mašin-Brüdern auch Mord als Mittel recht. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein kraftvolles Stück Erinnerungsliteratur: Die neue Graphic Novel von Jan Novák und Jaromír 99 erzählt vom Widerstand gegen die kommunistische Diktatur und einem Desaster für die DDR-Volkspolizei.

          Vermächtnisse verpflichten – und wenn sie von einem als Nationalheld verehrten Vater stammen, tun sie es umso mehr. Josef Mašin war während der deutschen Okkupation Oberstleutnant in der tschechoslowakischen Armee. Als sich das Land offiziell Hitler ergab, ging er in den Widerstand. Unter dem Spitznamen „Zuckerbäcker“ verübte er Sabotageakte, wurde von den Nationalsozialisten gefasst und im Zuge der Vergeltungsaktionen nach dem Heydrich-Attentat 1942 in der Haft ermordet. Das recht abstrakte Vermächtnis, in einem versteckten Brief an seine Söhne Josef und Ctirad übermittelt, lautete: „Denkt immer daran, dass die Verteidigung von Heimat und Volk die Pflicht eines jeden wahren Tschechen ist.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Kalten Krieg zu Beginn der fünfziger Jahre folgen die Söhne seinem Auftrag. Die Kommunisten beherrschen das Land in stalinistischer Manier, es gibt Schauprozesse und eine mächtige Staatssicherheit. Josef und Ctirad Mašin gründen eine Widerstandszelle und beschließen, über die DDR nach West-Berlin zu fliehen, um, so der fast romantische Plan, mit Hilfe der US Army ihr Heimatland zu befreien. Doch der Fluchtplan, mit dem die Graphic Novel beginnt, fliegt auf. Die Brüder geraten in die Fänge der Geheimpolizei, werden gefoltert, kommen schließlich frei und können ihren Plan doch noch in die Tat umsetzen. Ihre abenteuerliche Flucht durch die DDR, die in ihrem absurd glücklichen Verlauf an den Irrlauf Švejks nach Budweis erinnert, gelingt spektakulär und dank einer beträchtlichen Skrupellosigkeit. Für die Volkspolizei wird die immer wieder knapp scheiternde Fahndungsaktion, die intern „Tschechenkrieg“ genannt wird, zur größten Pleite ihrer Geschichte.

          Grundlage der gleichnamigen Graphic Novel von Jan Novák und Jaromír Švejdík alias Jaromír 99 ist ein siebenhundert Seiten dicker Roman des Erstgenannten, der bisher nur auf Englisch erschienen ist. Zwei Jahre lang hat Jaromír 99, der im persönlichen Gespräch darauf hinweist, dass man als Comic-Zeichner gleichzeitig für das Drehbuch, den Schnitt, die Kostüme und die Beleuchtung verantwortlich sei, an der grafischen Umsetzung gearbeitet, wobei er für sich, anders als in früheren Werken wie der großartigen Graphic Novel „Alois Nebel“ (zusammen mit Jaroslav Rudiš) oder dem Kafka-Comic „Das Schloss“ (zusammen mit David Zane Mairowitz), in denen sich seine Bewunderung für die holzschnittartige Kunst von Frans Masereel verriet, die Farbe entdeckt, die er jedoch nur sparsam einsetzt. Neben gedeckten Braun- und Grautönen gibt es rosafarbene Akzente, mit denen vor allem die beiden Mašin-Brüder und einige wenige zeitliche Rückblenden gekennzeichnet werden, zum anderen ein unnachgiebiges Rot, das die Suchscheinwerfer auf der Flucht durch die DDR markiert und immer wieder schlaglichtartig die Spannung erhöht.

          Jan Novák und Jaromír Švejdík alias Jaromír 99: „Tschechenkrieg“. Graphic Novel. Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. Verlag Voland & Quist, Dresden 2019. 256 S., br., 26 Euro.

          Über die Radikalität der Mašin-Brüder wird auch im heutigen Tschechien noch kontrovers diskutiert: Sind die beiden eingefleischten Kommunistenhasser bei ihren Widerstandsaktionen nicht zu brutal vorgegangen? Bei der Beschaffung von Waffen etwa schreckten sie nicht einmal vor dem Mord an Landsleuten zurück, was im Comic ohne viel Psychologie dargestellt wird. Insgesamt ist die Figurenzeichnung betont kantig und an tschechischen Abenteuer-Comics der fünfziger und sechziger Jahre orientiert, zuweilen erinnert sie gar an den sozialistischen Realismus.

          Mit Lust am Spiel sind hingegen immer wieder Objekte im Stil der Pop-Art eingearbeitet, kunstvoll setzt Jaromír 99 die von der Staatssicherheit im Gefängnis betriebene Desorientierung ins Bild. Als eher intuitiv eingesetzte Leitmotive kehren Blut- und Wasserströme wieder, die in einer Art eingefrorener Zeitlupe festgehalten werden, was eindrucksvolle Effekte der Unmittelbarkeit erzeugt.

          Doch trotz der vielen grafischen Akzente erfordert die Lektüre große Aufmerksamkeit. Die Zeitangaben wollen sorgfältig beachtet sein, und der Leser tappt wegen ausgesparter oder nur angedeuteter Informationen zum Teil wie die Mašin-Brüder im Dunkeln. Am Ende des Comics ist man wegen des irrwitzigen Handlungsverlaufs fast geneigt, das Ganze für Fiktion zu halten. Es ist aber ein kraftvolles Stück Erinnerungsliteratur, in der man eine Menge über die Tschechoslowakei der fünfziger Jahre und eine in Teilen Europas fast vergessene Gewalt der Grenzziehung lernen kann. Die detailversessene grafische Umsetzung von Jaromír 99 bringt dabei immer wieder zum Staunen.

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