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Zur Lage des Buchmarkts : Such das Buch

Dennoch lassen einige Verleger eine unerwartete Ratlosigkeit erkennen, wenn es um diese grundlegenden Veränderungen geht. Wer sich in Berlin umhört, etwa bei der Hanser-Berlin-Chefin Elisabeth Ruge oder dem Verleger von Matthes & Seitz, Andreas Rötzer, wird zwar immer wieder auf den „Tag X“ angesprochen, an dem der Verkauf von E-Books anziehen werde, und man hört auch Forderungen, „die Anbieter“ müssten sich bis dahin attraktive Angebote einfallen lassen. Aber dass die Verleger selbst diese Anbieter sind und dass der ominöse Tag schon angebrochen ist, das scheint in der Hauptstadt keineswegs eine verbreitete Ansicht zu sein.

Große Offenheit in Köln

Anders in Köln. „Wir erleben 2012 als historisches Jahr, weil jetzt für uns alle das E-Book ein reales Geschäft geworden ist“, sagt Helge Malchow. „Jetzt wissen wir, dass dieses Trägersystem sich neben den Taschenbüchern und Hardcoververöffentlichungen durchsetzen wird.“ Nicht nur in seinem Haus reden derzeit alle über die virtuellen Werke. Denn die haben ihren Anteil am Gesamtumsatz mehr als verdreifacht. Bei Kiepenheuer&Witsch bringen es die E-Books schon auf mehr als 5,5 Prozent, bei Dumont haben sich die Umsätze in diesem Jahr auf acht Prozent verdoppelt, bei Rowohlt vervierfacht auf vier bis fünf Prozent in den ersten Monaten dieses Jahres. „Das E-Book ist eine Größe, an der wir nicht mehr vorbeikommen“, glaubt Jo Lendle. Der Verleger, Jahrgang 1968, sieht die digitalen Herausforderungen nicht nur als Bedrohung. Dabei muss er, genauso wie alle seine Kollegen, künftig zwei völlig verschiedene Märkte bedienen, den analogen Bereich mit physischen Werken und das digitale Buch. Letzteres scheint viele Vorteile zu haben, lässt sich eine Geschichte aus Bits and Bytes doch viel flexibler handhaben als dieselbe zwischen zwei Buchdeckeln;Texte in jeder Länge, Essays, Erzählungen, Novellen und Reportagen, können nun zum Buch werden. Bücher, die längst verschwunden waren, stehen nun wenigstens als Datei wieder auf.

Bei Kiepenheuer & Witsch operiert die Abteilung Multimedia derzeit am Buch wie an einem offenen Herzen. Da sollen Sachbücher mit Bonusmaterial zum Gespräch zwischen Leser und Autor anregen, zu Werken etwa von Ranga Yogeshwar werden eigene Filme und Tondokumente produziert. „Das sind ganz neue Produkte“, sagt Malchow begeistert, als spreche er sich selbst Mut zu, „der Text ist nur noch ein Feature unter anderen.“ Ein Multimediaanbieter mit angeschlossener Buchproduktion will Lendle hingegen auf keinen Fall werden, obwohl natürlich auch in seinem Haus, wie überall, jedes in Frage kommende Buch digital verfügbar ist. Für Lendle liegt die Stärke von Literatur aber darin, dass sich der Leser bestimmte Sachen vorstellen muss. „Da Spielfilme reinzukleben, ist mir ein Greuel.“

Amazons „Self Publishing“

Schon bald könnte ihm die verlegerische Entscheidung über die Ausstattung eines Buches aber aus den Händen genommen werden. Denn der Großhändler Amazon raubt nicht nur dem klassischen Buchhandel bedeutende Marktanteile. Er dringt mit seiner publizistischen Offensive neuerdings auch in die Hoheitsgebiete der Verlage ein: „Amazon Publishing“ vertreibt Bücher, die es selbst hergestellt hat und deren Autoren bei der Firma direkt unter Vertrag stehen. Dies bedeutet eine heikle Konzentration bisher völlig getrennter Sparten. Sosehr die großen Ketten den Verlagen in ihren fetten Jahren auch die Rabatte diktierten, die sie auf ihre Bücher geben mussten, und Gebühren abverlangten, die sie für eine gute Plazierung der Werke in den Geschäften zahlen mussten - diese Knebelmethoden waren für Verlage weniger bedrohlich als das, was Amazon jetzt plant. Natürlich muss sich erst noch zeigen, ob derjenige, der verkaufen kann, auch ein guter Produzent ist.

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