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Zur Frankfurter Buchmesse : Bücher können Berge versetzen

  • -Aktualisiert am

Ein Muslim studiert den Koran Bild: REUTERS

Wer hat die größten Welt-Bestseller der letzten Jahre geschrieben? Zwei Religions- und Kirchenführer: der Papst und der Dalai Lama. Doch ein Buch fehlt: Eine historisch-kritische Ausgabe des Korans. Von Frank Schirrmacher.

          3 Min.

          Die Zeiten, da die Revolutionen und Reformationen aus Büchern hervorgingen, sind nicht vorbei; sie stehen uns womöglich überhaupt erst bevor. Man muss sich nur von dem Gedanken verabschieden, es handele sich bei diesen Sturmvögeln um die längst zerfledderten Taschenbücher der sechziger und siebziger Jahre (Herbert Marcuse, „Repressive Toleranz“, edition suhrkamp, Band 181). Oder um die Selbstverständigungstexte der achtziger und neunziger Jahre, die die Buchmessen und Bücherregale der jeweiligen Saison füllten.

          Wer hat die größten Welt-Bestseller der letzten Jahre geschrieben? Zwei Religions- und Kirchenführer: der Papst und der Dalai Lama. Hape Kerkeling hat mit einem Buch über eine Pilgerreise alle Rekorde gebrochen, Eckhart Tolle erweckt als spiritueller Lehrer die halbe Welt, Dan Brown hat die apokryphen Nachrichten von den Templern und Gralssuchern zu einem der größten Bucherfolge der Verlagsgeschichte umgeschrieben.

          Suhrkamp gründet „Verlag der Weltreligionen“

          Gestern gründete der Suhrkamp Verlag, der Verlag von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas, der einst im Umfeld der Studentenbewegung die Revolution publik machte, einen „Verlag der Weltreligionen“. Das widerspricht dem Geist des Hauses keineswegs so eklatant, wie manche meinen; der Mystiker Ernst Bloch, der leider später ins rote Prophetentum abglitt, und der Aufklärer Gershom Scholem gehören seit jeher zu seinem eisernen Autorenbestand. Gut möglich, dass im Verlag der Weltreligionen die Spiritualität unserer Epoche jene Zuflucht und Adresse bekommt, die Suhrkamp seit jeher den Seelenwanderern von Hermann Hesse bis Max Frisch bot.

          Vielleicht stimmt es, was die Verlegerin in einem Interview ausführte, und die Zeit des Zynismus neigt sich dem Ende zu. Natürlich hat es Phasen der Rückkehr zu einer Sprititualiät, die en vogue war, auch früher gegeben, oft als Mode oder als Geschäftsmodell eines reinkarnierten Bhagwan. Doch die Lage heute ist anders. Die Symptome häufen sich. Religiöse Transzendenz wird nicht mehr verkündet oder nachgebetet, sie wird entdeckt, als wäre man Kolumbus. Und das heißt: Geographie, Handelsströme, Lebenswelten werden sich ändern.

          Fehlt noch: Historisch-kritische Ausgabe des Korans

          Nicht das ist die Revolution, dass die Menschen die Mauern des stahlharten Gehäuses unserer modernen Welt nach Transzendenz abklopfen. Vielmehr könnte es sein, dass sich in der nachholenden Sinnsuche die großen tektonischen Verschiebungen der unmittelbaren Zukunft ankündigen, also die Vorbereitung einer Gesellschaft, die zu erkennen beginnt, dass sie den Bedrohungen mit Markt und Waffen allein nicht mehr gewachsen ist.

          Unter all den spirituellen, religiösen und religionsgeschichtlichen Büchern, die die Buchmesse anonnciert, fehlt eines, das imstande sein wird, eine Reformation einzuleiten - leider fehlt es auch im Verlag der Weltreligionen. Das Buch, das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden, ist die historisch-kritische Ausgabe des Korans, die in diesem Augenblick an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft vorbereitet wird. 2009 frühestens werden erste Vorarbeiten dieses Werks vorliegen, das gesamte Unterfangen könnte ein Jahrzehnt dauern.

          Tadel am Koran wird Sturm der Entrüstung entfachen

          Seit Papst Benedikt bei seiner Regensburger Rede wegen eines historisch-kritischen Kommentars unter Muslimen einen Sturm der Entrüstung entfachte, weiß jeder, was eine solche Ausgabe des Korans bedeuten wird, und die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass der Redner in Regensburg genau diesen Effekt beabsichtigt hatte. Es kann nicht verboten sein, als Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts Textkritik zu betreiben, Vergleiche anzustellen und Übereinstimmungen festzustellen.

          In Berlin, der bei Christen schon seit hundert Jahren als gottlos verschrienen Stadt, wird unter dem Titel „Corpus Coranicum“ ein historisch-kritischer Kommentar entstehen, der explosiv und aufregend sein wird, obwohl er mit nichts anderem hantiert als der guten, alten und stets als etwas altväterlich verleumdeten Textkritik. Die Anwendung der Methode auf diesen Fall wird nach Ansicht eines Sachkenners das Äquivalent zur Zähmung des Feuers durch den Menschen sein.

          Eindeutige Wort trägt Echo von Jahrhunderten in sich

          Im eigenen Interesse sollten wir die neue Liebe zur Transzendenz nicht zynisch als Eskapismus einer alternden Gesellschaft diffamieren. Plötzlich holt uns ein, was 1300 Jahre zurückliegt. Wir können denen, die so tun, als lebten wir noch in der Zeit, als der Koran geschrieben wurde, ihre Überzeugung nicht ausreden. Wir können ihnen aber zeigen, ja beweisen - wie jenem Rip van Winkle, der glaubte, eine Nacht zu schlafen, und ein Jahrhundert verpasste -, dass Zeit vergangen ist zwischen damals und heute, dass Geschichte passiert ist, dass das, was sie für das eindeutige Wort halten, das Echo von Jahrhunderten in sich trägt.

          Vom altehrwürdigen Herder Verlag bis zum blutjungen Verlag der Weltreligionen betreiben viele Autoren und Verleger nichts anderes als die Rekonstruktion der Welt des siebten Jahrhunderts nach Christus; der Welt, in der der Koran entstanden ist. Wer die Hunderttausende Bücher auf der Buchmesse sieht, mag sich fragen, was Bücher überhaupt noch bewirken können. Das jedenfalls können sie immer noch: die Welt aus den Angeln heben.

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