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Zum Tode Walter Kempowskis : In der Echokammer seines Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Walter Kempowski 1929-2007 Bild: dpa

Sein Kindheitstraum war, „Archiv“ zu werden. Als Chronist der Deutschen wurde er zu einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation. Nun ist Walter Kempowski im Alter von achtundsiebzig Jahren gestorben. Von Edo Reents.

          8 Min.

          Was ist es, das einen Menschen zum Schriftsteller macht? So vielfältig die Antriebe dazu auch sein mögen - Wiedergutmachung spielt dabei eine untergeordnete Rolle, denn sie ist eine politisch-moralische Kategorie. Und sie ist zwar keine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts, aber das Bedürfnis danach war nie stärker als in diesem. Sie ist ein Konstrukt, mit dem wir uns darüber hinwegzuhelfen versuchen, dass einmal Geschehenes, Angerichtetes eben gerade nicht wiedergutzumachen, dass etwas unwiederbringlich verloren ist.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Heillosigkeit dieser Erkenntnis ist jedoch ein genuin literarisches Thema, wenn man sich darauf einigen kann, dass Literatur Erinnerungsleistung ist, die jener Verzeitlichung, der alles Menschliche unterworfen ist, entgegenwirken soll.

          Acht Jahre Bautzen

          Schon aus diesen Gründen, noch vor einer ästhetischen Einordnung, ist Walter Kempowski ein Jahrhundertautor; er ist, geboren am 29. April 1929 in Rostock, das Kind des zwanzigsten Jahrhunderts, und er wurde dessen Archivar, Chronist und Erzähler. Es ist deshalb ein groteskes Missverständnis, dass man in ihm lange Zeit einen unpolitischen Autor sah.

          Walter Kempowski in einer Flakhelfer-Uniform im Jahr 1945 (Reproduktion eines Fotos)

          Sein Werk wurde durch einen eminent politischen Vorgang in Gang gesetzt und bis zuletzt gehalten, nämlich die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst wegen vermeintlicher Spionage am Morgen des 8. März 1948 in Rostock. Unter Folter gestand der noch nicht Neunzehnjährige, seine Mutter habe von seinen Aktivitäten gewusst, woraufhin auch diese verhaftet und lange inhaftiert wurde. Der Sohn, verurteilt zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager, saß acht Jahre in Bautzen ein.

          Mit diesem Verrat ist Walter Kempowski auf eine einmalig produktive Weise nie zu Rande gekommen, obwohl manches dafür spricht, dass seine Mutter auch ohne dieses erzwungene Geständnis eingesessen hätte. Er, der nicht nur der SS widerstand und seine eigene Haftzeit als eine stellvertretende Buße akzeptierte, die andern erspart blieb, hat dem Schuldbegriff, von dem alle seine Bücher ausgehen, eine Ambivalenz und Tiefe verliehen, bei denen der individuelle Aspekt den des Kollektiv-Nationalen schon deshalb überwiegt, weil er an einen metaphysischen Schuldkomplex nicht glaubte. So wurde er zum Dichter und Chronisten des Einzelnen, der jeder Ideologie fernstand.

          Bitterkeit in seinen Worten

          Dass die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile ebenfalls davon abgerückt ist, hat dazu geführt, dass Kempowski jetzt anders dasteht als vor 1989. Jenes Jahr bedeutete für ihn eine skeptisch registrierte, späte Genugtuung, deren persönlicher Einschlag dem Tagebuch zu entnehmen ist: Wenn er nach seiner Haftentlassung im Westen so willkommen geheißen worden wäre wie die Ostdeutschen im Wendejahr, dann hätte er kein einziges Buch geschrieben. Man ermesse, was das heißt!

          Die Kränkung, die der politische Häftling zu verwinden hatte, weil ihm nach 1956 gerade dieser Status, der eine zentrale Kategorie im Denken der alten Bundesrepublik werden sollte, verweigert wurde, erklärt manche Bitterkeit, die aus seinen wenigen öffentlichen Äußerungen spricht.

          Komik und Tragik

          So kam, auf eine vermutlich einmalige Weise, bei ihm etwas zusammen, das dem in gedankenloser Geschwätzigkeit abgenutzten Begriff der engagierten Literatur eine ganz andere, von der Öffentlichkeit übersehene Dimension verliehen hat. Und so erschien, nach langer Inkubationszeit und mit auf den Weg gebracht vom damaligen Rowohlt-Cheflektor Fritz J. Raddatz, 1969 der Haftbericht „Im Block“, dessen auf die Groteske und nicht auf Larmoyanz zielende Darstellung Dostojewski mehr verdankt als der deutschen Betroffenheitsliteratur.

          Schon hier war die literarische Phantasie beherrscht von einem gleichsam objektiven Standpunkt, in den das eigene Erleben wie beiläufig einfloss. Der Epiker, der sich damit ankündigte, war gewillt, jedermann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und blickte aufs Dasein als etwas gleichermaßen Komisches wie Tragisches.

          Welthaltiger als Walser und Grass

          Zwei Jahre später kam der Roman „Tadellöser & Wolff“, mit dem die sogenannte Deutsche Chronik einsetzt. Schon damals hätte der Literaturkritik klar sein müssen, dass sich hier jemand zu Wort meldete, dessen Modernität eine genuin literarische, technische und keine moralische, politisch wünschbare war. Das an Walter Benjamin, John Dos Passos und Arno Schmidt geschulte Collageverfahren stellte gleichsam autonome Texte (Zitate, Verlautbarungen, Schlagerfetzen, kurz: Dinge, die in der Luft lagen) neben die individuell beschränkte Erlebnisperspektive.

          Die Geschichte der zur Kenntlichkeit entstellten Kempowskis im alten Rostock bot die Summe dessen, was ein einzelner junger Mensch damals über den Krieg und Nationalsozialismus wissen konnte und war welthaltiger, wahrhaftiger als das, was Martin Walser und Günter Grass über jene Zeit mitzuteilen hatten.

          Aber Walter Kempowski spürte, dass dies nicht ausreichen würde, um die Jahrhundertkatastrophe auszuleuchten, und so tauchte er tiefer hinab in die Vergangenheit und erzählte die Vorgeschichte in Form familiärer Anekdoten, die recht eigentlich short cuts waren. Die Gründlichkeit, mit der er seine Erinnerungs- und Rechercheleistung vollbrachte, teilte er mit einem anderen großen Chronisten des bürgerlichen Zeitalters; aber er wusste, dass man nicht mehr so erzählen konnte wie der distanziert bewunderte Thomas Mann.

          Es war für Kempowski eine Frage literarischer wie historischer Aufrichtigkeit, sich auf allen Ebenen eines absolut unprätentiösen, dabei enorm treffsicheren alltagssprachlichen Tons zu bedienen, den er der Umwelt teils ablauschte, teils erfand und teils selber sprach.

          Eine ungeheure Leistung

          Auf diese Weise kam 1984 die fünfbändige Deutsche Chronik mit „Herzlich willkommen“ zum Abschluss. Im Roman wie in der Wirklichkeit kommt der aus der Haft Entlassene mit Verspätung in der westlichen Lebensform an; die Lücke, die Bautzen bei ihm hinterlassen hatte, ermöglichte ihm die Distanz und Nüchternheit, die sein Erzählen prägten.

          Die Geschichte der Kempowskis als die eines exemplarischen, weder heillos verstrickten noch völlig unschuldigen Teils von Deutschland war zu Ende erzählt und damit etwas Ungeheures geleistet: Die vielfach nur nachgebeteten Schlagworte von der Banalität des Bösen und dem Privaten, das politisch sei, waren literarisch beglaubigt.

          Kempowski hatte mit den Mitteln der Epik die zeitgeschichtliche Erkenntnis des Nebeneinanders von Alltag und permanentem Ausnahmezustand im Nationalsozialismus vorweggenommen. Ahnungslosigkeit erschien, lange vor den späten Selbstrechtfertigungen der Flakhelfer, als entschuldbare Folge individueller Alltagsbewältigung und wurde geradezu zum Merkmal des Allgemein-Menschlichen.

          Doppelt schiefes Bild

          Dass all dies nahezu übersehen wurde, lag auch an Eberhard Fechners Fernsehbearbeitung von „Tadellöser & Wolff“ Mitte der siebziger Jahre, die filmisch gelungen war, aber durch die Konzentration auf den freilich immensen komischen Gehalt - man denke allein an die geflügelten Worte „Wie isses nun bloß möglich!“, „Ansage mir frisch!“ - zu einer Verharmlosung von Kempowskis Werk beitrug, die dessen Rezeption auf Jahrzehnte hin bestimmen sollte und die Kempowski selbst, trotz der damit verbundenen Popularisierung, als eine zwiespältige Angelegenheit betrachtete.

          Sein schlackenloser, präziser und allem Kitsch denkbar fernstehender, auf fast angelsächsische Weise eingängiger Stil mochte zusätzlich dazu beitragen, dass er unterschätzt wurde. Dass dem Autor obendrein unterstellt wurde, er identifiziere sich mit einmontierten Einzelstimmen, machte das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm machte, doppelt schief.

          Dem Sadismus hingegeben

          Es folgte die zweite Deutsche Chronik, für die Kempowski den Blick nunmehr auf sich selbst und seine so ungemein vielseitige Existenz richtete. Die Romane „Hundstage“ (1988), vermutlich sein geglücktestes, genialstes Werk, und dessen Fortsetzung „Letzte Grüße“ (2003) waren das Selbstporträt eines alternden Schriftstellers auf dem norddeutschen Flachland und zugleich die Abrechnung eines immer noch verkannten Außenseiters mit seiner Gegenwart und besonders der literarischen Szene.

          Die unübertreffliche Komik, die satirische Erledigung jeder Form von Denkfaulheit und modischem Opportunismus machen den Helden Alexander Sowtschick geradezu unsterblich und ließen ahnen, was in all den Jahren in Kempowski selbst vorgegangen sein mochte, der sich auch in seinen Tagebüchern als jemand präsentierte, der auf nichts festzulegen war. Endgültig stellte sich heraus, dass hier ein Schriftsteller sprach, der sich wie Thomas Mann im Bürgerlichen barg, ohne zu verbürgerlichen.

          Kempowski ließ hier jede Rücksicht fahren und gab sich seinen abseitigen Phantasien, seinen Ressentiments, seinem Sadismus, seiner Not, aber auch seiner Unabhängigkeit nahezu rückhaltlos hin. Dabei mochte seine sich dem allgemeinen Leistungswillen konsequent verweigernde Existenz als dem Jazz verfallener „Swing-Heini“ und Schulschwänzer von einst nachwirken; das Mittun war seine Sache nie.

          Lang vermisste Anerkennung

          Von vergleichbarer Abgründigkeit und Kühnheit waren die fast nicht zur Kenntnis genommene Erzählung „Mark und Bein“ (1991), die das längst Mode gewordene Flüchtlingsthema um Jahre vorwegnahm, und der Dorfroman „Heile Welt“, in dem Kempowski seine eigene Grundschullehrerzeit verarbeitete. Diese Bücher sind, in der Tradition der Romantik, voller Sympathie für den Einzelgänger und dessen verschiedene „Lebensstarts“.

          So hat auch Walter Kempowski selbst verschiedene Anläufe genommen und nehmen müssen - biographisch wie werkgeschichtlich. Selbst zu erzählen genügte ihm schon in den siebziger Jahren nicht mehr; deswegen fing er an, für hoch aufschlussreiche Bände wie „Haben Sie Hitler gesehen?“ und „Haben Sie davon gewusst?“ Leuten, die etwas zu erzählen hatten, direkt Fragen zu stellen, mit denen andernorts ganze Debatten geführt wurden.

          „Wenn die Alten uns etwas zu erzählen haben, sollen wir ihnen nicht den Mund zuhalten“ - dies war seine Lebensmaxime. War auf diese Weise der Rahmen der Literatur schon erweitert, so sprengte Kempowski ihn erst recht mit seinem „Echolot“, das ihm seit 1993 die lange vermisste Anerkennung verschaffte. Die Rezension in der F.A.Z. von Frank Schirrmacher (Aus dem Archiv: Frank Schirrmacher: In der Nacht des Jahrhunderts) führte, von Kempowski im Tagebuch dankbar vermerkt, dazu, dass das Blatt sich endgültig zu seinen Gunsten wendete.

          Todes- und Ruhmphantasien

          Mit einem Willen, von dem man sich nur schwer einen Begriff machen kann, türmte der gesundheitlich Labile ein „kollektives Tagebuch“ von schließlich zehn Bänden auf: Aufzeichnungen jeder Art von bekannten und unbekannten Personen aus ausgewählten Kriegstagen, die einen bis dahin nicht möglichen Einblick ins gesamtdeutsche Denken, Fühlen und Handeln erlaubten.

          Mit diesem Werk, über das schon viel gesagt und das damals in dieser Zeitung als eine der bedeutendsten Leistungen deutschsprachiger Literatur bezeichnet wurde, löste er seine Überzeugung, dass man die Dinge nur wahrhaftig betrachte, wenn man sie individuell betrachte, triumphal ein.

          Was danach erst zögerlich, dann, ausgelöst durch die schwere Krankheit, mit Macht begann, war die „Komödie seines Ruhmes“ (Schopenhauer). Kempowski, der immer ein offenes Haus führte, hielt nun Audienz und holte damit vieles nach. Die Todes- und Ruhmphantasien, die den Reiz seiner späten Romane ausmachen, hatten ihn eingeholt. Und welch eigenartige Ironie: Der Mann, dessen Kindertraum, „Archiv“ zu werden, märchenhaft in Erfüllung ging und dessen zierlicher Körper eisern ein ganzes Jahrhundert schulterte, wog zuletzt weniger als bei seiner Haftentlassung vor fünfzig Jahren.

          Sein Jahrhundertthema

          Die Ehrungen erreichten ihn, der ein Vorbild der jüngeren Autoren ist, den von seinen Generationsgenossen jedoch Abgründe trennen, spät, aber nicht zu spät. Nur für die Darmstädter Akademie wird es eine unbegreifliche Schande bleiben, dass sie ihm den Büchnerpreis vorenthalten hat.

          Zu dem Zeitpunkt, als er das Ende ins Auge fassen musste, hatte er sein letztes Wort schon gesprochen: „Alles umsonst“ hieß der große Roman, der auf noch einmal ganz andere Weise Resumeecharakter trug als seine vorherigen Bücher. Noch einmal kam er auf das Jahrhundertthema zurück und erzählte eine Flüchtlingsgeschichte.

          Diesem Roman hat der Protestant und Herzenskatholik Kempowski einen Luther-Spruch vorangestellt, der ihm die metaphysische Wucht eines „Doktor Faustus“ verleiht und die spekulative Frage nach Schuld und Gnade stellt wie einst Adrian Leverkühn: „Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.“

          „War nun alles gut?“

          Bei Walter Kempowski war nichts umsonst, er hat das Allerbeste gemacht aus seinem Leben, die Wiedergutmachung ist ihm gelungen. „War nun alles gut?“ lautet der letzte Satz des Romans, der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Satz. Es bleibt offen. Der Leser aber weiß nun, was dieser Schriftsteller immer schon wusste: dass man im Bösen auch Menschliches findet. Die Enden berühren sich vielleicht im Unendlichen, das doch das Reich der Liebe ist, die dieser Schriftsteller zu Land und Leuten sein in jeder Hinsicht erfülltes Leben lang hegte.

          Der Chronist der Deutschen, der seit Bautzen „wie angestochen durchs Leben“ lief, hat den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen und gewonnen, auch wenn sein allerletzter Roman Fragment bleiben wird. Am frühen Freitagmorgen ist der große Walter Kempowski in einem Krankenhaus in Rotenburg an der Wümme nahe seinem Haus Kreienhoop im Alter von achtundsiebzig Jahren gestorben.

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