https://www.faz.net/-gqz-vumi

Zum Tode Walter Kempowskis : In der Echokammer seines Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Mit diesem Werk, über das schon viel gesagt und das damals in dieser Zeitung als eine der bedeutendsten Leistungen deutschsprachiger Literatur bezeichnet wurde, löste er seine Überzeugung, dass man die Dinge nur wahrhaftig betrachte, wenn man sie individuell betrachte, triumphal ein.

Was danach erst zögerlich, dann, ausgelöst durch die schwere Krankheit, mit Macht begann, war die „Komödie seines Ruhmes“ (Schopenhauer). Kempowski, der immer ein offenes Haus führte, hielt nun Audienz und holte damit vieles nach. Die Todes- und Ruhmphantasien, die den Reiz seiner späten Romane ausmachen, hatten ihn eingeholt. Und welch eigenartige Ironie: Der Mann, dessen Kindertraum, „Archiv“ zu werden, märchenhaft in Erfüllung ging und dessen zierlicher Körper eisern ein ganzes Jahrhundert schulterte, wog zuletzt weniger als bei seiner Haftentlassung vor fünfzig Jahren.

Sein Jahrhundertthema

Die Ehrungen erreichten ihn, der ein Vorbild der jüngeren Autoren ist, den von seinen Generationsgenossen jedoch Abgründe trennen, spät, aber nicht zu spät. Nur für die Darmstädter Akademie wird es eine unbegreifliche Schande bleiben, dass sie ihm den Büchnerpreis vorenthalten hat.

Zu dem Zeitpunkt, als er das Ende ins Auge fassen musste, hatte er sein letztes Wort schon gesprochen: „Alles umsonst“ hieß der große Roman, der auf noch einmal ganz andere Weise Resumeecharakter trug als seine vorherigen Bücher. Noch einmal kam er auf das Jahrhundertthema zurück und erzählte eine Flüchtlingsgeschichte.

Diesem Roman hat der Protestant und Herzenskatholik Kempowski einen Luther-Spruch vorangestellt, der ihm die metaphysische Wucht eines „Doktor Faustus“ verleiht und die spekulative Frage nach Schuld und Gnade stellt wie einst Adrian Leverkühn: „Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.“

„War nun alles gut?“

Bei Walter Kempowski war nichts umsonst, er hat das Allerbeste gemacht aus seinem Leben, die Wiedergutmachung ist ihm gelungen. „War nun alles gut?“ lautet der letzte Satz des Romans, der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Satz. Es bleibt offen. Der Leser aber weiß nun, was dieser Schriftsteller immer schon wusste: dass man im Bösen auch Menschliches findet. Die Enden berühren sich vielleicht im Unendlichen, das doch das Reich der Liebe ist, die dieser Schriftsteller zu Land und Leuten sein in jeder Hinsicht erfülltes Leben lang hegte.

Der Chronist der Deutschen, der seit Bautzen „wie angestochen durchs Leben“ lief, hat den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen und gewonnen, auch wenn sein allerletzter Roman Fragment bleiben wird. Am frühen Freitagmorgen ist der große Walter Kempowski in einem Krankenhaus in Rotenburg an der Wümme nahe seinem Haus Kreienhoop im Alter von achtundsiebzig Jahren gestorben.

Weitere Themen

Überreizte Nerven

Horrornovelle „Der Horla“ : Überreizte Nerven

Wenn Jens Wawrczeck Maupassants Horrornovelle „Der Horla“ auf der Bühne des Glaspalast-Theaters in Berlin liest, ist man dicht dran an dem Erzähler, seiner Verunsicherung und Panik. Im Hörbuch kommt das Grauen vollgültig zu seiner Wirkung.

Im Reich der Phantasie

Clemens Brentano : Im Reich der Phantasie

Mit Märchen und Liedern wollte sich Clemens Brentano weiterentwickeln: In „Gockel, Hinkel, Gakeleia“ hat der Frankfurter Kaufmannssohn das verschlungene Erzählen aus der Tradition arabischer Blütenornamentik auf die Spitze getrieben.

Topmeldungen

Den Schützengräben entstiegen: Generation Corona?

Fraktur : Im Stahlgetwitter

Entsteigt nun eine „Generation Corona“ den heimischen Schützengräben?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.