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Zum Tode Walter Kempowskis : In der Echokammer seines Jahrhunderts

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Sein schlackenloser, präziser und allem Kitsch denkbar fernstehender, auf fast angelsächsische Weise eingängiger Stil mochte zusätzlich dazu beitragen, dass er unterschätzt wurde. Dass dem Autor obendrein unterstellt wurde, er identifiziere sich mit einmontierten Einzelstimmen, machte das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm machte, doppelt schief.

Dem Sadismus hingegeben

Es folgte die zweite Deutsche Chronik, für die Kempowski den Blick nunmehr auf sich selbst und seine so ungemein vielseitige Existenz richtete. Die Romane „Hundstage“ (1988), vermutlich sein geglücktestes, genialstes Werk, und dessen Fortsetzung „Letzte Grüße“ (2003) waren das Selbstporträt eines alternden Schriftstellers auf dem norddeutschen Flachland und zugleich die Abrechnung eines immer noch verkannten Außenseiters mit seiner Gegenwart und besonders der literarischen Szene.

Die unübertreffliche Komik, die satirische Erledigung jeder Form von Denkfaulheit und modischem Opportunismus machen den Helden Alexander Sowtschick geradezu unsterblich und ließen ahnen, was in all den Jahren in Kempowski selbst vorgegangen sein mochte, der sich auch in seinen Tagebüchern als jemand präsentierte, der auf nichts festzulegen war. Endgültig stellte sich heraus, dass hier ein Schriftsteller sprach, der sich wie Thomas Mann im Bürgerlichen barg, ohne zu verbürgerlichen.

Kempowski ließ hier jede Rücksicht fahren und gab sich seinen abseitigen Phantasien, seinen Ressentiments, seinem Sadismus, seiner Not, aber auch seiner Unabhängigkeit nahezu rückhaltlos hin. Dabei mochte seine sich dem allgemeinen Leistungswillen konsequent verweigernde Existenz als dem Jazz verfallener „Swing-Heini“ und Schulschwänzer von einst nachwirken; das Mittun war seine Sache nie.

Lang vermisste Anerkennung

Von vergleichbarer Abgründigkeit und Kühnheit waren die fast nicht zur Kenntnis genommene Erzählung „Mark und Bein“ (1991), die das längst Mode gewordene Flüchtlingsthema um Jahre vorwegnahm, und der Dorfroman „Heile Welt“, in dem Kempowski seine eigene Grundschullehrerzeit verarbeitete. Diese Bücher sind, in der Tradition der Romantik, voller Sympathie für den Einzelgänger und dessen verschiedene „Lebensstarts“.

So hat auch Walter Kempowski selbst verschiedene Anläufe genommen und nehmen müssen - biographisch wie werkgeschichtlich. Selbst zu erzählen genügte ihm schon in den siebziger Jahren nicht mehr; deswegen fing er an, für hoch aufschlussreiche Bände wie „Haben Sie Hitler gesehen?“ und „Haben Sie davon gewusst?“ Leuten, die etwas zu erzählen hatten, direkt Fragen zu stellen, mit denen andernorts ganze Debatten geführt wurden.

„Wenn die Alten uns etwas zu erzählen haben, sollen wir ihnen nicht den Mund zuhalten“ - dies war seine Lebensmaxime. War auf diese Weise der Rahmen der Literatur schon erweitert, so sprengte Kempowski ihn erst recht mit seinem „Echolot“, das ihm seit 1993 die lange vermisste Anerkennung verschaffte. Die Rezension in der F.A.Z. von Frank Schirrmacher (Aus dem Archiv: Frank Schirrmacher: In der Nacht des Jahrhunderts) führte, von Kempowski im Tagebuch dankbar vermerkt, dazu, dass das Blatt sich endgültig zu seinen Gunsten wendete.

Todes- und Ruhmphantasien

Mit einem Willen, von dem man sich nur schwer einen Begriff machen kann, türmte der gesundheitlich Labile ein „kollektives Tagebuch“ von schließlich zehn Bänden auf: Aufzeichnungen jeder Art von bekannten und unbekannten Personen aus ausgewählten Kriegstagen, die einen bis dahin nicht möglichen Einblick ins gesamtdeutsche Denken, Fühlen und Handeln erlaubten.

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