https://www.faz.net/-gqz-vumi

Zum Tode Walter Kempowskis : In der Echokammer seines Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Schon hier war die literarische Phantasie beherrscht von einem gleichsam objektiven Standpunkt, in den das eigene Erleben wie beiläufig einfloss. Der Epiker, der sich damit ankündigte, war gewillt, jedermann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und blickte aufs Dasein als etwas gleichermaßen Komisches wie Tragisches.

Welthaltiger als Walser und Grass

Zwei Jahre später kam der Roman „Tadellöser & Wolff“, mit dem die sogenannte Deutsche Chronik einsetzt. Schon damals hätte der Literaturkritik klar sein müssen, dass sich hier jemand zu Wort meldete, dessen Modernität eine genuin literarische, technische und keine moralische, politisch wünschbare war. Das an Walter Benjamin, John Dos Passos und Arno Schmidt geschulte Collageverfahren stellte gleichsam autonome Texte (Zitate, Verlautbarungen, Schlagerfetzen, kurz: Dinge, die in der Luft lagen) neben die individuell beschränkte Erlebnisperspektive.

Die Geschichte der zur Kenntlichkeit entstellten Kempowskis im alten Rostock bot die Summe dessen, was ein einzelner junger Mensch damals über den Krieg und Nationalsozialismus wissen konnte und war welthaltiger, wahrhaftiger als das, was Martin Walser und Günter Grass über jene Zeit mitzuteilen hatten.

Aber Walter Kempowski spürte, dass dies nicht ausreichen würde, um die Jahrhundertkatastrophe auszuleuchten, und so tauchte er tiefer hinab in die Vergangenheit und erzählte die Vorgeschichte in Form familiärer Anekdoten, die recht eigentlich short cuts waren. Die Gründlichkeit, mit der er seine Erinnerungs- und Rechercheleistung vollbrachte, teilte er mit einem anderen großen Chronisten des bürgerlichen Zeitalters; aber er wusste, dass man nicht mehr so erzählen konnte wie der distanziert bewunderte Thomas Mann.

Es war für Kempowski eine Frage literarischer wie historischer Aufrichtigkeit, sich auf allen Ebenen eines absolut unprätentiösen, dabei enorm treffsicheren alltagssprachlichen Tons zu bedienen, den er der Umwelt teils ablauschte, teils erfand und teils selber sprach.

Eine ungeheure Leistung

Auf diese Weise kam 1984 die fünfbändige Deutsche Chronik mit „Herzlich willkommen“ zum Abschluss. Im Roman wie in der Wirklichkeit kommt der aus der Haft Entlassene mit Verspätung in der westlichen Lebensform an; die Lücke, die Bautzen bei ihm hinterlassen hatte, ermöglichte ihm die Distanz und Nüchternheit, die sein Erzählen prägten.

Die Geschichte der Kempowskis als die eines exemplarischen, weder heillos verstrickten noch völlig unschuldigen Teils von Deutschland war zu Ende erzählt und damit etwas Ungeheures geleistet: Die vielfach nur nachgebeteten Schlagworte von der Banalität des Bösen und dem Privaten, das politisch sei, waren literarisch beglaubigt.

Kempowski hatte mit den Mitteln der Epik die zeitgeschichtliche Erkenntnis des Nebeneinanders von Alltag und permanentem Ausnahmezustand im Nationalsozialismus vorweggenommen. Ahnungslosigkeit erschien, lange vor den späten Selbstrechtfertigungen der Flakhelfer, als entschuldbare Folge individueller Alltagsbewältigung und wurde geradezu zum Merkmal des Allgemein-Menschlichen.

Doppelt schiefes Bild

Dass all dies nahezu übersehen wurde, lag auch an Eberhard Fechners Fernsehbearbeitung von „Tadellöser & Wolff“ Mitte der siebziger Jahre, die filmisch gelungen war, aber durch die Konzentration auf den freilich immensen komischen Gehalt - man denke allein an die geflügelten Worte „Wie isses nun bloß möglich!“, „Ansage mir frisch!“ - zu einer Verharmlosung von Kempowskis Werk beitrug, die dessen Rezeption auf Jahrzehnte hin bestimmen sollte und die Kempowski selbst, trotz der damit verbundenen Popularisierung, als eine zwiespältige Angelegenheit betrachtete.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einer Regierungserklärung im Thüringer Landtag.

Thüringen plant Lockerungen : Mutig oder falsch?

Die Pläne der Thüringer Landesregierung, den allgemeinen Lockdown wegen der Corona-Pandemie vom 6. Juni an aufzuheben, stößt nicht nur bei Gesundheitsexperten auf scharfe Kritik. Doch in der Bevölkerung erfährt Bodo Ramelows Vorstoß auch Zustimmung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.