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Zum Tode von Nicolaus Sombart : Gesellschaft mit allen Sinnen verstehen

Nicolaus Sombart 2003 in seinem Berliner Salon Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

Sein Vater hatte noch mit Friedrich Engels korrespondiert und gestritten. Nicolaus Sombart selbst hat vor allem mit seinen Erinnerungen „Jugend in Berlin“ für Aufsehen gesorgt. Heute ist der Kultursoziologe und Schriftsteller gestorben.

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          Das historische Gedächtnis unterliegt Bedingungen der mündlichen Überlieferung. Unverdientes Privileg, niemals aufzuheben, unreformierbar: Keine Lektüre, kein Studium kann später das ersetzen, was man als Kind am Familientisch verpasste. Als Nicolaus Sombart am 10. Mai 1923 in Berlin geboren wurde, der Sohn einer rumänischen Mutter, da war sein Vater gerade sechzig Jahre alt geworden. Werner Sombart, ein bedeutender Soziologe und Ökonom seiner Zeit, hatte noch mit Friedrich Engels korrespondiert und gestritten. Wer mit einem solchen Vater aufwächst, der wird zur Geschichte ein näheres Verhältnis haben – eines des Ohrs, der Anekdote, der Charakteristik, nicht ausschließlich des lesenden Auges.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Und noch in einer anderen Hinsicht mag das Werk des Vaters prägend gewesen sein: Werner Sombarts Studien zur Geschichte des Kapitalismus hatten keinen abstrakten, sondern einen kulturwissenschaftlichen, ungemein sinnlichen Charakter, der sich bei seinem Sohn in einen offenen Sensualismus verwandelte. Opferfeste des irdischen Eros nehmen in den Erinnerungen von Nicolaus Sombart einen bedeutenden Platz ein.

          Unvergleichlicher Einblick

          Den ersten Band dieser Erinnerungen veröffentlichte er spät, 1984, unter dem Titel „Jugend in Berlin“, er umfasst die Jahre von 1933 bis 1943. Das Buch, das zu einem großen Erfolg wurde, gab einen unvergleichlichen Einblick nicht nur in das Leben einer untergegangenen Gesellschaftsschicht, einer Welt der höchsten Bildung, kosmopolitischer (und dabei oft ultrakonservativer) Intelligenz der Zwischenkriegszeit. Es war auch eine Bekenntnisschrift, die mit großem Freimut eine Jugend in der NS-Zeit schilderte, die Verachtung der herrschenden Partei, aber durchaus die Bewunderung für den abenteuerlicher erscheinenden Mussolini.

          Nach dem Krieg und der kurzen Gefangenschaft studierte Nicolaus Sombart bei Alfred Weber in Heidelberg – das war sozusagen fast noch die eigene Familie, Pioniergeneration der Kultursoziologie in Deutschland. Das Thema der Promotion war der Graf Saint-Simon, einer der ersten Sozialphilosophen. So lag der Weg nach Frankreich nahe, den Sombart dann bald einschlug, und wieder war es die Geschichte der Soziologie, die er erforschte. 1954 wurde Nicolaus Sombart Beamter im Straßburger Europarat. „Der junge Sombart“, wie er noch im Alter manchmal scherzend genannt wurde, kehrte nach Berlin zurück, als ihn das Wissenschaftskolleg 1982 zum Fellow machte.

          Es muss ein struktureller Disziplin-Vorteil für ihn gewesen sein, dass man als Kultursoziologe schneller und indiskreter auf das Thema „Frauen“ kommen kann als, sagen wir, ein Staatsdenker im hergebrachten Sinn. Er hat den Vorsprung in seinen Erinnerungen an das Jahr am Wissenschaftskolleg dann auch weidlich genutzt – und vor allem Carl Schmitt als exemplarischem deutschen Mann die Ausblendung des Weiblichen, Matriarchalischen auch deutlich vorgehalten. Heute ist Nicolaus Sombart bei Straßburg gestorben.

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