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Zum Tod Wolfgang Herrndorfs : Dieses Zuviel ist niemals genug

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Er gab uns „Tschick“ und „Sand“, mit seinen präzisen, empathischen und humorvollen Geschichten machte er unsere Welt als Wunder erfahrbar. Zum Tod des Berliner Schriftstellers Wolfgang Herrndorf.

          Jeder Tod ist traurig. Dieser jedoch wird vielen Menschen das Herz brechen, jungen und älteren, Frauen und Männern, Viellesern und solchen, die sonst mit Literatur nichts am Hut haben. Denn sie alle verdanken diesem Autor einen Roman, der zu jenen raren Büchern gehört, die einen durchs Leben begleiten, weil all das, was man sonst besser fühlen als sagen kann, darin enthalten ist: Überschwang und Wehmut, Glück und Freundschaft, Einsamkeit und Endlichkeit, überwölbt von der Sehnsucht nach dem einen, alles beglaubigenden Augenblick. Über eine Million Mal hat sich „Tschick“ verkauft, die 2010 erschienene Abenteuerfahrt zweier jugendlicher Ausreißer, die auf ihrem Weg durch den wilden Osten den Geheimnissen des Lebens begegnen.

          Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist in der Nacht zum Dienstag gestorben. Er wurde 48 Jahre alt. Leser seines Blogs, den er im Frühjahr 2010 zu schreiben begann, nachdem bei ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert worden war, fürchteten seit Monaten um ihn, denn immer häufiger thematisierte Herrndorf körperliche und sprachliche Aussetzer, immer intensiver lasen sich die Einträge wie Abschiede. „Es gibt uns nicht. Wir sind schon vergangen“, schrieb er im Juli, wenige Tage nach einem Arztbesuch mit hoffnungslosem Befund: „Ende der Chemo. OP sinnlos.“ Einige Monate habe er vielleicht noch, meinte der Arzt, aber Herrndorf schrieb: „August, September, Oktober, November, Dezember, Schnee. Jeder Morgen, jeder Abend. Ich bin sehr zu viel.“ Die Vermutung, dass er Zeitpunkt und Art seines Todes selbst würde bestimmen wollen, wurde gestern von seiner Freundin, der Autorin Kathrin Passig, bestätigt. Sie twitterte, Wolfgang Herrndorf sei nicht an Krebs gestorben, sondern habe sich in den späten Abendstunden des 26. August am Ufer des Berliner Hohenzollernkanals das Leben genommen.

          Einsamkeit und Weltschmerz hinter der Pose

          Mit diesem Tod verliert die deutsche Literatur nicht nur einen ihrer beliebtesten, sondern auch einen ihrer wirkmächtigsten, ungewöhnlichsten, besten Autoren. Vier Bücher hat Herrndorf veröffentlicht; der Blog „Arbeit und Struktur“, in dem manche sein eigentliches Hauptwerk erkennen und der am Dienstag zeitweilig überlastet und nicht zugänglich war, soll das fünfte werden.

          Freunde haben Herrndorf, der seit seiner Krebsdiagnose öffentliche Auftritte und Interviews mied, als scheuen Perfektionisten geschildert, der sich wochenlang mit Detailfragen auseinandersetzen konnte; er war von extremer Bescheidenheit, was eigene Bedürfnisse anging, und besessen von seiner Arbeit. Begonnen hatte der gebürtige Hamburger nach dem Kunststudium als Illustrator und Zeichner, arbeitete für die „Titanic“ und schuf Umschlagbilder für den Haffmans Verlag. 2002 erschien sein Debüt „In Plüschgewittern“, und bereits da unterschied der Ton das Buch von anderen popliterarischen Zeitgeistromanen. Denn der rotzig-lässige Sound des wütend durchs Land driftenden Erzählers ist nicht Selbstzweck, sondern als Pose erkennbar, hinter der Einsamkeit und tiefer Weltschmerz wohnen.

          Alle Herrndorfschen Helden sind unterwegs: der namenlose Egomane der „Plüschgewitter“ ebenso wie die Protagonisten der Erzählungen in „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2007) und Maik und Tschick in ihrem geklauten Lada auf dem Weg in die Walachei. Auch der Mann ohne Gedächtnis, den der Autor 2012 in der umfassenden Wüstenei seines großen Romanrätsels „Sand“ auftauchen lässt, pendelt unerfüllt zwischen irgendwo und nirgendwo. Dabei sind Herrndorfs Werke alles andere als unzugänglich, jedem sofort verständlich und oft sehr komisch. Mit Ausnahme von „Sand“, dieser auf Unschärfe setzenden Nihilismus-Hymne im unterhaltsamen Gewand des Spionagethrillers, für die er den Preis der Leipziger Buchmesse bekam, spielt seine Literatur in der Gegenwart - doch die präzise Sprache, mit der er dem Heute zu Leibe rückt, weist darüber hinaus und macht unsere Welt als romantisch aufgeladenes Wunder neu und sinnlich erfahrbar.

          Freundschaft und Autonomie

          „Sie sind innerlich unbeteiligt“, lautet der Vorwurf, den sich ein Nürnberger Kunststudent in der Erzählung „Der Weg des Soldaten“ regelmäßig von seiner Professorin anhören muss: „Jedesmal, wenn ich Arbeiten zeigte: Sie sind innerlich unbeteiligt.“ In gewisser Weise ist das der Vorwurf, der über allen Protagonisten dieses Autors schwebt - und seine Literatur ein einziger großer Beweis des Gegenteils. Äußerlich geben sich Herrndorfs Helden abgeklärt und sarkastisch, doch in ihnen brodelt, wie in ihrem Schöpfer, ein Zuviel an Empathie und Verbundenheit. Es ist diese Zartheit, die sich allein über den Ton vermittelt, die eine Kameradschaft, Zugehörigkeit und Identifikation erzeugt, der sich kein Leser entziehen kann und will.

          Freundschaft war eines seiner großen Themen. Noch wichtiger aber war Wolfgang Herrndorf Autonomie, in der Kunst wie im eigenen Leben. Nun ist der großartige Schriftsteller gegangen - unbesiegt.

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