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Zum Tod von Steven Utley : Uhrmacher der Gegenzeit

Er war ein Dichter der Parallelwelt: Am vergangenen Samstag ist Steven Utley gestorben.

          Die Lyrik war ihm so lieb und transparent wie die Elektronik, mit den ersten kiefertragenden Wirbeltieren, die seine Figuren in der Zeit vor vier- bis fünfhundert Millionen Jahren untersuchen durften, verstand er sich nicht schlechter als mit den Pferden der Western-Kavallerie, die er in ausgedachte Schlachten begleitete, und in den untergegangenen Kontinenten der Erdurgeschichte machte sich’s seine Phantasie so wohnlich wie in Texas.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Anachronistische regte Steven Utley stets zu schönsten Schöpfungen an; auch seine Werkstrategie war unzeitgemäß: Als das Genre, dem er unter allen literarischen Spielarten am innigsten verbunden war, die Science-Fiction, bereits den Roman, das Fernsehen und den Film erobert hatte, hielt Utley der Kurzgeschichte, der Novelle und der spekulativen Miniatur, dem uhrwerkpräzise Ausgetüftelten die Treue, jenen Formen also, aus denen sich die spekulativ-utopische Gattung zwischen der zweiten Hälfte des neunzehnten und der ersten des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt hatte.

          Ein eigensinniger Texaner in der Peripherie

          In der Zusammenschau des Untergegangenen und Ausgestorbenen mit dem Zeitgemäßen und Aufdringlichen, im Ausreizen und Entfalten der dabei aufleuchtenden Kontraste, lagen Utleys Stärken - etwa bei der paläontologischen Perspektive auf die politische Wirklichkeit der Vereinigten Staaten: „Wie vorweltliche Großungeheuer, die langsam in einer Teergrube versinken, wühlten sich die Bewerber um das höchste Staatsamt in den langweiligsten Wahlkampf seit Menschengedenken.“

          Sein redliches Widerstreben gegen alles Geschlossene, Systematische und Monumentale hat den 1948 geborenen Texaner vor jener Sorte Karrieresprüngen bewahrt, die man im Kulturbetrieb „Durchbruch“ nennt - er blieb seit Mitte der siebziger Jahre als verlässlich geschätzter Mitarbeiter kleiner und größerer literarischer Magazine, Herausgeber vielbeachteter Anthologien (“Lone Star Universe“, 1976), Förderer und Freund bald berühmterer Weggefährten (etwa Bruce Sterling, Lisa Tuttle, Harlan Ellison und Howard Waldrop) stets in der Peripherie - Utley nannte sich selbst ironisch einen „international unbekannten Autor“ -, allzeit fleißig, immer eigensinnig, niemals provinziell. Seine allererste Veröffentlichung war im Wortsinn kosmopolitisch, verband nämlich Texas mit Deutschland, denn sie erschien 1972

          in einer amerikanischen „Perry Rhodan“-Publikation. Am vergangenen Samstag ist Steven Utley in Smyrna in Tennessee gestorben.

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