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Zum Tod von Hanns Grössel : Sprache liebkosen

Inger Christensen und Tomas Tranströmer wären dem deutschen Leser ohne ihn nicht so hell aufgegangen: Zum Tode des Übersetzers Hanns Grössel.

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          In seinem Bericht an die Akademie in Darmstadt, die ihn 2010 aufnahm, stellte er sich als „philologischer Wanderarbeiter“ vor. Die Charakterisierung trifft seine selbstbewusste Bescheidenheit ebenso wie seine vielseitige Fähigkeit, den Dichtern Weggefährte zu sein: als Kritiker, Essayist, Herausgeber und, vor allem, als Übersetzer. Das Rüstzeug dafür wurde ihm in die Schultüte gelegt: Kurz vor Kriegsbeginn, da war er gerade sieben, zog Hanns Grössel, der am 18. April 1932 in Leipzig geboren wurde und in Grimma an der Mulde seine frühe Kindheit verbrachte, nach Kopenhagen, wo sein Vater als Musiklehrer an der Sankt-Petri-Schule unterrichtete und er bis 1947 zweisprachig aufwuchs: „Dänisch lernte ich buchstäblich spielend“, so erinnert er sich, „beim Spielen mit Nachbarskindern am Peblingesee.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die erste Wanderung führte nach Norden, die zweite, nun selbstgewählte, nach Westen: Die literarische Vermittlung zwischen Frankreich und Deutschland begriff Hanns Grössel als Beitrag zur Versöhnung. Sartres Reportagen aus dem besetzten Paris hat er ebenso übersetzt wie die Kriegstagebücher von Paul Léautaud. In Göttingen hat er Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert und wurde mit einer Arbeit über Clemens Brentano promoviert; sechs Jahre war er Lektor bei Rowohlt und von 1966 bis 1997 Literaturredakteur beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Als Kritiker war er, der dänischen, französischen und schwedischen Literatur besonders zugeneigt, über Jahrzehnte präsent, doch seine leisere, empfindlichere Liebe galt der Übersetzung: An die sechzig Büchern - von A wie Adolphsen, Peter bis V wie Vian, Boris - hat der Homme de Lettres, und das nicht erst, seit der Ruhestand mehr Zeit dafür ließ, in fünfzig Jahren ihre deutsche Gestalt gegeben. Louis-Ferdinand Céline hat er eine kluge Studie gewidmet, das Werk von Raymond Roussel dem hiesigen Publikum nähergebracht.

          Zwei Schriftsteller leuchten an seinem weitverzweigten Dichterhimmel als Fixsterne, und ihre Poesie wäre dem deutschen Leser nicht so hell aufgegangen, wenn nicht Hanns Grössel ihnen Glanz gesichert hätte: Inger Christensen und Tomas Tranströmer. Wie übersetzt man Lyrik? „Möglichst so, wie es da steht“, antwortete Grössel, als er nach dem Nobelpreis für Tranströmer gefragt wurde, mit gelassenem Understatement: „Lyrik besteht wie Prosa nur aus Wörtern.“ Mit dem schwedischen Dichter stand er, seit er ihn 1977 persönlich kennengelernt hatte, in engem Kontakt, über viele Übersetzungsfragen hat er sich mit ihm ausgetauscht und so das Gesamtwerk mit zuverlässigster Genauigkeit ins Deutsche gebracht. Gezeichnet schon von seiner Krankheit, hat der Übersetzer den Nobelpreisträger seit der freudigen Überraschung, die ihm die Schwedische Akademie bereitete, auf Veranstaltungen begleitet und vertreten. Es blieb die letzte und auch meistbeachtete Etappe in seinem philologischen Wanderarbeiterleben: Am 1. August ist Hanns Grössel, der Sprachliebkoser und - so sah er mit Lessing die Übersetzer - „Wortgrübler“, im Alter von achtzig Jahren in Köln gestorben.

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