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Zum Tod von Gerhard Zwerenz : Faktotum linker Hand

  • -Aktualisiert am

Gerhard Zwerenz, 1925 bis 2015 Bild: Brigitte Friedrich

Er nannte sich selbst einen Proleten und mischte regelmäßig den deutschen Buchmarkt auf. Zeitlebens rieb er sich an der Bundesrepublik, für die er sogar im Parlament saß.

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          Eckhard Henscheid bezeichnete ihn einmal als „allbekannten Links-Schlawiner“. Gerhard Zwerenz selbst nannte sich stolz Prolet, schon in seinen 1961 publizierten „Ärgernissen“, in denen er seinerseits Schriftstellerkollegen und andere Zeitgenossen mit beißendem Spott überzog. Der gebürtige Sachse desertierte 1944 als deutscher Soldat bei Warschau und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In Leipzig studierte er bei Ernst Bloch Philosophie. Der niedergeschlagene Aufstand vom 17.Juni 1953 prägte seinen Doku-Roman „Die Liebe der toten Männer“, der im „Blechtrommel“-Jahr 1959 erschien. Nach seinem Ausschluss aus der SED floh er 1957 in die Bundesrepublik, an der er sich aber auch zeitlebens rieb, als kritischer Literat besonders um 1968 und im Umfeld der Frankfurter Sponti-Szene, bald als Faktotum der westdeutschen Linken und später auch als Abgeordneter der PDS im Bundestag von 1994 bis 1998.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Verleger brachte Zwerenz in Deutschland die ersten Taschenpornos auf den Markt, den er mit „intellektueller Pornographie“ unterlaufen wollte. Aufsehen erregte besonders sein Buch „Soldaten sind Mörder“. In dem an Publikationen reichen Leben – er schrieb auch Krimis, Kinderbücher und zuletzt eine „sächsische Autobiographie in Fortsetzung“ als Internet-Blog – war Platz für manche kuriose Nachricht: So stritt er um die Rechte am „Müll“, also an Rainer Werner Fassbinders Frankfurter Skandalstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, zu dem einer seiner Romane die Vorlage bildete.

          Oder er feierte im Jahr 2001 mit einer Veranstaltung in Darmstadt den 111.Geburtstag Kurt Tucholskys und wollte dazu einen eigenen Film zeigen, den er allerdings mitzubringen vergaß und stattdessen nacherzählte. Im Juni feierte Gerhard Zwerenz seinen neunzigsten Geburtstag. Nun ist er im Taunus gestorben.

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