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Zum Tod Eduard Limonows : Ein stolzer Extremist

Eduard Limonow, 1943 bis 2020 Bild: mauritius images / ZUMA Press, I

Den Krieg bezeichnete er als existentielles literarisches Erlebnis, den Extremismus als seine persönliche Wahrhaftigkeit. Zum Tod des Autors Eduard Limonow.

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          Er habe die vier Erfahrungen machen dürfen, die ein Mann im Leben machen müsse, hat der russische Schriftsteller und Protestpolitiker Eduard Limonow einmal gesagt: Er sei ins Gefängnis gekommen, er habe viele Frauen gehabt, habe im Exil gelebt und den Krieg kennengelernt. Vor allem den Krieg bezeichnete Limonow, der Anfang der neunziger Jahre die Nationalbolschewistische Partei mitbegründete, als existentielles literarisches Erlebnis aller großen Autoren. Er selbst positionierte sich oszillierend zugleich als linkssozialistisch und nationalistisch und zog für die imperiale Idee in den Bürgerkrieg, kämpfte mit Radovan Karadžić gegen Bosnier und Kroaten, beteiligte sich am russisch unterstützten Sezessionskrieg Abchasiens gegen Georgien, versuchte im Norden Kasachstans eine russische Rebellion anzuzetteln, wofür er festgenommen wurde und für zwei Jahre ins Gefängnis kam. Diese Abenteuer fanden ihren Niederschlag in seinem „Buch des Wassers“, dem serbischen Erzählungsband „Tod“, dem Erinnerungs- und Essayband „In Gefangenschaft bei den Toten“. Als jemand, der stets Extremsituationen gesucht und künstlerisch verarbeitet hat, fühlte Limonow sich über alle ideologisch-ethische Kritik erhaben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit seinem silbernen Wuschelkopf über dem rassigen Unterschnitt, dem Trotzki-Bärtchen und seiner großen Klappe war der stets schwarz gekleidete, athletisch schlanke Limonow auch im biblischen Alter noch ein Idol für viele rebellische Jugendliche. Zugleich ermöglichte ihm sein großes Ego, mit Fakten kreativ umzugehen. Als ihm im vergangenen Jahr der Blogger Juri Dud politische Eifersucht auf den Korruptionsbekämpfer Aleksej Nawalnyj bescheinigte, der weit mehr junge Oppositionelle mobilisiert, beschimpfte er ihn und nannte Nawalnyj einen Idioten. Und als Dud Limonow, den das Staatsfernsehen eingeladen hatte, vorhielt, seine antiamerikanische, antiliberale Haltung käme der Putin-Regierung heute zupass, schnitt er ihm das Wort ab und erklärte, er sei viel radikaler als Putin.

          Der permanente Revolutionär

          Limonow, der 1943 als Eduard Sawenko und Sohn eines Geheimdienstoffiziers im Gebiet von Nischni Nowgorod zur Welt kam, wuchs im ostukrainischen Charkow auf und hat stets seine Affinität zu den unteren Schichten hervorgehoben. Als junger Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, aber auch im Gefängnis habe er unter russischen Desperados gelebt und sie gemocht, bekannte Limonow, der in den sechziger Jahren nach Moskau zog, wo er Jeans für die Boheme schneiderte und avantgardistische Lyrik schrieb, bis der KGB ihn 1974 auswies. In New York, wo er die folgenden Jahre verbrachte, entstand sein Roman „Fuck off, Amerika“, der ihn international bekannt machte. Es ist die grandiose Wutbeichte eines Möchtegern-Revolutionärs und tief verletzten Liebenden, der sich für den größten russischen Schriftsteller hält, der aber, von seiner schönen Frau verlassen, von der staatlichen Wohlfahrt leben muss.

          In den achtziger Jahren ging Limonow nach Frankreich, wo er sich als radikal linker, dann als radikal rechter Intellektueller profilierte, um nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Russland zurückzukehren. Als Politiker suchte er dort den Konflikt mit dem Establishment, schloss sich 1993 den Rebellen gegen Jelzin an, hängte mit seinen Nationalbolschewiken schon 1999 in der Krim-Hafenstadt Sewastopol die russische Fahne auf und schloss sich 2012 den Protesten gegen die Rückkehr von Präsident Putin an, war dann freilich entsetzt, dass liberale „Verräter“ sich an deren Spitze setzten.

          Bis zuletzt verteidigte er den Extremismus als seine persönliche Wahrhaftigkeit, die sich nur ein erlesener Kreis von Anhängern zu eigen machen könne. Jetzt ist der permanente Revolutionär 77 Jahre jung in Moskau gestorben.

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