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Zum Tod der Lyrikerin Elisabeth Borchers : Ein Gedicht ist nicht diktierbar

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Elisabeth Borchers ist es mit diesem Gedicht ähnlich ergangen wie Paul Celan mit der „Todesfuge“ und Günter Eich mit der „Inventur“: Man hat sie mit diesem Gedicht identifiziert und ihr Werk auf dieses Gedicht reduziert. Natürlich sträuben sich die Autoren mit guten Gründen gegen eine solche Festlegung und Einengung auf nur eines Ihrer Gedichte. Elisabeth Borchers wollte dieses wunderbare surrealistische Gedicht zeitweise sogar aus der Sammlung ihrer frühen Texte eliminiert sehen, die Jürgen Becker 1976 herausgegeben hat. Es erschien dann doch wieder, und ich denke: zu Recht. In diesem Gedicht verbinden sich Partikel des Märchens, des Shantys, der magischen Zauberformel mit Elementen der Realität (Wasser, Gras, Abend) zu einem sinnverwirrenden Gebilde, zu einem Protokoll des Zustands zwischen Tag und Nacht, zwischen Wachen und Traum, in dem die Grenzen zwischen der Wirklichkeit des Bewussten und der des Unterbewussten verschwimmen. Gedichten ist es erlaubt, so schrieb Elisabeth Borchers damals zum Abschluss der heftigen Debatte, „der Realität – dem, was wir Realität zu nennen gewohnt sind und was doch nur unser Dahinleben und Daherreden ist – zu entfliehen, ihre eigene unnütze Realität zu finden und sei es die des Traums, in dem sich alles auf den Kopf stellt, und in dem doch alles geborgen ist in einer süßen Surrealität“.

Gebändigte Erfahrung

Als Dichterin der Surrealität und sogar der Realitätsflucht hat man sie daraufhin dingfest zu machen versucht, aber damit tut man ihrem lyrischen Werk Unrecht. Denn es zeichnet sich durch einen großen Reichtum an Formen und Klängen, an Gedanken und Bildern aus. Elisabeth Borchers ist durch viele Schulen gegangen und gehörte doch keiner ganz an. Man hört noch die vertraut-vertrackten Töne aus „Des Knaben Wunderhorn“ und aus vielen schönen Kinderliedern, man nimmt an der romantischen Wortspiel-Freude teil und an den kühnen Bild-Kombinationen eines Hans Arp, man wird an der Auseinandersetzung mit Brechts lakonischer Dialektik ebenso beteiligt wie an ihren zugespitzten Dialogen mit Schriftstellern, bildenden Künstlern und Philosophen. Sie war zweifellos eine poeta docta. Einmal zitiert sie aus Wisława Szymborskas Gedicht „Ein Wort zur Pornographie“ den Satz: „Es gibt keine schlimmere Ausschweifung als das Denken“; sie widerspricht mit der Gegenthese „Es gibt Schlimmeres als das Denken: Das Nichtdenken“.

Das freilich hat sie sich nie geleistet. Ihre vorzüglichsten Gedichte sind immer zugleich auch gedachte Gedichte, wohlkalkulierte Gebilde aus Klängen, Bildern, Vorstellungen, Anspielungen und Entsprechungen. Aber: „Ein Gedicht ist nicht diktierbar“, hat sie in der Selbstauskunft über ihr Gedicht „Reden wir nicht von der Landschaft“ bekannt: „Es setzt nicht Kenntnisse voraus, sondern Erfahrungen“. Das ist kein Plädoyer für eine ungehemmte Mitteilung autobiographischer Intimitäten, die man in ihren Gedichten vergeblich suchen wird. „Erfahrung“ ist vielmehr das Instrument, mit dessen Hilfe das bloß Intuitive und Emotionale gebändigt wird; Erfahrung ist Ausdruck der gedanklichen Besonnenheit und der Arbeit an der Form. Solche Erfahrungen bestimmen ihr lyrisches Werk durchgehend.

So vielseitig wie die Töne sind die Formen und Themen ihrer Gedichte. Auf pure Botschaften, auf bloße Zugehörigkeiten lassen sie sich jedoch nie festlegen. Weder für eine ökologische noch für eine feministische, weder für eine experimentell-artistische noch für eine agitatorisch-politische Position können sie in Anspruch genommen werden, obwohl alle diese Dimensionen der Erfahrungswirklichkeit in ihren Gedichten begegnen. Sie wollen nicht mitreden. Sie lassen sich eher als Gegenreden gegen voreilige Übereinkünfte verstehen. Solche Gegenreden auf die einfachste und direkteste, zugleich aber auch bildkräftige und pointierte Formel zu bringen – das ist vielleicht die größte poetische Leistung von Elisabeth Borchers. Am Mittwochabend ist sie mit siebenundachtzig Jahren in Frankfurt gestorben.

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