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Thomas Kapielski : Fliegendreck für alle

Thomas Kapielski, fotografiert am 18. September 2005, zwei Tage nach seinem vierundfünfzigsten Geburtstag, bei der Aufzeichnung der ZDF-Sendung „Nachtstudio“ in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Der Schriftsteller Thomas Kapielski wird siebzig, ein Jahr nach dem Helden seines jüngsten Romans. Sein Lebenswerk ist die Nachahmung eines Nachdrucks von Zeitungen.

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          Der Icherzähler von „Kotmörtel“, dem „Roman eines Schwadronörs“, den Thomas Kapielski im vergangenen Jahr in der edition suhrkamp veröffentlichte, gibt im zweiten Kapitel einen Abriss seines Lebens in den Koordinaten von Raum und Zeit: „Sonnensystem, Erde, nunmehr 21. Jahrhundert, Holozän, Zwischeneiszeit; Willy Brandt; später beständige Kohl-, dann Merkel-Regierung.“

          Während letztere Epoche der politischen Geschichte sich schier endlos dehnt und heute, während Sie dies lesen (um Sie nach Art des Schwadronörs frei heraus anzureden), immer noch nicht restlos über die Bühne gegangen ist, hinter der als neuer Willy Brandt Olaf Scholz wartet – währenddessen ist das Erdenwallen und Wörterschwallen von Kapielskis anderem Ich zum ewigen Stillstand gekommen, weil der Roman auf Seite 410 dann doch sein Ende (in Versalien) finden musste. Im Holozän erschien der Mensch mit dem unglaubwürdigen Namen Frowalt Heimwée Irrgang Hiffenmarkt am 16. September 1950 und damit auf den Tag genau ein Jahr vor seinem Schöpfer. Wie geht das an?

          Mit dem Autor hat der Erzähler viel zu viel gemeinsam, so die Serie von „Gottesbeweisen“, die im Gegensatz zu ihrem so orts- wie bibelfesten Verfasser, der im Roman sogar durch kriminalrechtliche Arretierung festsitzt, „ihrerseits (als Taschenbüchlein) in der Welt umherschweifen“. Der Stoff dafür fällt vom Himmel: als Dreck der Fliegen, die ihn in der Zelle umschwirren. Hat ein solches widerliches Insekt sich auf dem Papier niedergelassen und aus der 1 eine 0 gemacht, um Kapielskis Doppelgänger künstlich altern zu lassen, wodurch sich das Original gleichzeitig verjüngte? Kapielskis gesamtes literarisches Werk ist eine Serie von Experimenten zur Reproduktion von Druckerschwärze, Nachahmung von Presse, unvergängliches Simulacrum der raschelnden Blätter, die fixieren, wie in Kapielskis Taschenbüchlein „Zeitbehälter“ steht, was „seinerzeit gewiß von Belang“ war, „im Fortgang aber allen belanglos“ wurde. „Die gestrige Zeitung ist es ja heute schon!“ Die heutige nicht, denn heute feiert Thomas Kapielski seinen siebzigsten Geburtstag.

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