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Stig Strömholm : Die Redaktion druckte alles

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Doppelbegabung für Wissenschaften und Künste: Stig Strömholm, Rechtsgelehrter und historischer Romancier, 2014 bei einer Sitzung des Ordens Pour le mérite im Gespräch mit dem Germanisten Peter von Matt Bild: Wikipedia

Ein der guten Literatur gewidmetes Leben: Der europäische Rechtsgelehrte und schwedische Universalfeuilletonist Stig Strömholm feiert seinen neunzigsten Geburtstag.

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          Eines Tages fuhr der Rechtsprofessor Stig Strömholm mit dem Zug nach Uppsala und warf schon nach der Lektüre von zwei oder drei Seiten verärgert seine Tageszeitung, das Svenska Dagbladet, weg. „Manchmal kann ich es einfach nicht ertragen“, soll er gesagt haben, „meine eigenen Artikel zu lesen.“

          Strömholm wurde im nordschwedischen Boden geboren und bezeichnete sich in einem Interview als „juristisches Chamäleon“. Seine Karriere kombinierte sehr viele ausländische Universitäten und Themen mit einem einzigen schwedischen Hochschulort. In Uppsala durchlief er alle Stadien vom Jurastudenten bis zum Rektor der Universität, jenseits der Landesgrenzen prägten ihn völkerrechtliche Studien in Cambridge, seine Promotion in München 1964 absolvierte er als Humboldtianer mit einer teilweise am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Patent-, Marken- und Urheberrecht entstandenen Arbeit. Die schwedische Doktorarbeit von 1966 war 900 Seiten stark und auf Französisch geschrieben.

          Später, als er längst ein europäischer Gelehrter von Rang geworden war (Präsident der Academia Europaea von 1997 bis 2002), stellte er Gedanken darüber an, was es bedeutet, dass das Englische alle anderen Wissenschaftssprachen verdrängt hat. Das Recht des geistigen Eigentums blieb sein Leben lang eine seiner Kernkompetenzen, aber er veröffentlichte weit und sensationell fleißig darüber hinaus.

          Der skandinavische Rechtsrealismus

          Denn in seine Lebensspanne fielen Hochschulreformen und gesellschaftliche Umwälzungen. Anstelle der Vorlesung „Juristische Enzyklopädie“ wurde von 1958 an „Jurisprudenz“ gelehrt, Strömholm 1969 in Uppsala zum Professor dafür berufen, und im Privatrecht intervenierte nicht nur in Schweden der Staat zugunsten von mehr sozialer Gerechtigkeit. Im Vergleich dazu, so schrieb Strömholm 1976, war sogar die Einführung der neuen schwedischen Verfassung von 1974 weniger folgenreich. Er und seine Generation, geprägt vom skandinavischen Rechtsrealismus, erlebten eine Demystifizierung und Politisierung des Privatrechts, die bleiben sollte. Sein Lehrbuch „Rätt, rättskällor och rättstill­­ämpning“ (Recht, Rechtsquellen und Rechtsanwendung, 6. Aufl. 2020) empfehlen schwedische Kollegen noch heute als einzig brauchbares Werk zur Methodenlehre für Studierende.

          Für deutsche Studenten wurden seine „Kurze Geschichte der abendländischen Rechtsphilosophie“ (1991) und seine „Allgemeine Rechtslehre“ (1976) verfügbar gemacht; letztere auf Betreiben des Romanisten Franz Wieacker – für sich bereits ein Ritterschlag. Wieacker hielt die Laudatio, als Strömholm 1988 in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste gewählt wurde. Ins Deutsche übertragen wurden ferner seine Romane, die immer historistische Themen wählten und von denen „Das Tal“ (deutsch 1980) wohl der beste ist: Im fünften Jahrhundert will ein junger Mann einen Vergil-Kommentar seines Onkels vor den Hunnen retten – die Aktualisierung des Topos des Gegensatzes von Kultur und Barbarei ist charakteristischer Ausdruck der Mission Strömholms. Der Römer-Onkel erklärt: „Es gibt drei Dinge, um derentwillen es sich lohnt, für das Imperium zu kämpfen: Friede, vernünftige Gesetze und die Möglichkeit, ein angenehmes, der guten Literatur gewidmetes Leben zu führen.“ Übersetzerin ins Dänische war übrigens Königin Margrethe II.

          Das Svenska Dagbladet publizierte zwischen 1960 und 1995 allein in der Rubrik „Under Strecket“ erstaunliche 147 Essays ihres ständigen Mitarbeiters im Feuilleton. Sie widmeten sich ausschließlich den Literaten des siebzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts, mit einem Schwerpunkt auf Frankreich. Er konnte schreiben, worüber er wollte: Die Redaktion druckte schier alles, was der gebildete Autor als Literaturkritiker lieferte, und sie änderte (seinen eigenen Angaben zufolge) kaum ein Wort. Strömholm pflegt als Jurist einen so charakteristischen Stil, dass man schwedischen Jura-Studierenden in der Vorlesung empfahl, sich bloß nicht danach zu richten; es könne nur ein schlechtes Imitat herauskommen.

          Stig Strömholm gilt heute als kulturkonservativer Repräsentant der schwedischen Elite und ist angeblich stolz darauf, dass seine Frau der einzige Mensch ist, der ihn nicht mit einem Dreiteiler (vorzugsweise Tweed) bekleidet gesehen hat. Heute feiert er seinen neunzigsten Geburtstag.

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