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Zum Hundertsten Heinrich Maria Ledig-Rowohlts : Beichtvater, Zechbruder, Ordensgründer

  • -Aktualisiert am

Fischer, Suhrkamp, Unseld, Piper - die deutsche Verlagsgeschichte kennt viele Solitäre, mit deren Namen sich unverwechselbare Imperien verbinden. Einer der großen Büchermacher allerdings sprengte alle Normen. Zum Hundertsten Heinrich Maria Ledig-Rowohlts.

          Die deutsche Verlagsgeschichte kennt viele Solitäre, mit deren Namen sich unverwechselbare Imperien verbinden. Büchermacher wie Samuel Fischer oder Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld, Klaus Piper oder Daniel Keel zählen dazu, aber auch einer, der alle Normen sprengte: Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Schon sein Vater Ernst, der 1908, im Geburtsjahr seines Sohnes, das erste Rowohlt-Buch veröffentlichte, war ein legendärer Bücher-Patriarch. Aber ohne den Sohn hätte der Rowohlt-Verlag nach 1945 den rasanten Aufstieg zum zeitweiligen Branchenprimus indes kaum geschafft. Es war Ledig-Rowohlt, der nach dem Kriege Herstellung und Verbreitung von Taschenbüchern in den Vereinigten Staaten studierte und mit "Rowohlts Rotations-Romanen" den alles entscheidenden Grundstein für die Stabilität und Kontinuität des Verlages legte.

          Zahllose Legenden und Anekdoten, Beweise der Zuneigung und Verehrung pflasterten seinen Weg. Wer das Vergnügen hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten, erinnert sich tage- und nächtelanger und doch immer auch genussreicher Strapazen, aber ebenso an Ledigs (selbst der Vater sprach ihn jahrzehntelang nur mit diesem Namen an!) ganz und gar unbürgerliche Kapriolen und befreiende Lachsalven. Hinter seiner ansteckenden Ausgelassenheit verbarg sich jedoch auch Raffinesse. Seine Mutter Maria Ledig war Schauspielerin gewesen, und auch ihr Sohn konnte ein großer Schauspieler sein - wenn es der Arbeit diente. Verlegen hieß für Ledig-Rowohlt vor allem das Feilen an Manuskripten und Übersetzungen, das übermütige und doch tiefkonzentrierte Spiel mit Worten, Titeln und Texten. Er war das Alter Ego seiner Autoren, ihr Beichtvater und Zechbruder, manchmal auch ihr Retter.

          Eine Mischung aus Lebenslust, Menschenliebe und Geschmack

          Weil das mit dem Anwachsen seines Unternehmens nicht ohne Hilfe vieler kluger und standfester Lektoren abgehen konnte, wusste er die besten unter ihnen liebevoll um den Finger zu wickeln. Er forderte Höchstleitungen, geizte jedoch niemals mit Zeichen der Anerkennung. Seine kleinen roten Zettel, auf die er mit dickem Filzstift notierte: Sehr Gut! Danke! (ich habe mir einen davon aufgehoben), gaben dem Empfänger das Empfinden, gleichsam einem Orden anzugehören, jedenfalls niemals den Verlag wechseln zu wollen, solange Ledig dabei war. Ihm schien jeder noch so geringe Pulsschlag des literarischen Lebens vertraut, er kannte die Bücherschreiber und Büchermacher aller Erdteile, behandelte sie zärtlich lockend und emphatisch, als seien sie seine engsten Freunde.

          Die Residenz des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt in Lavigny am Genfer See

          Der Name des Kosmopoliten Ledig galt in der internationalen Verlagslandschaft der sechziger und siebziger Jahre als eine Art Codewort dafür, dass da jemand (ein Deutscher!) überschäumende Lebenslust, vitale Menschenliebe und literarischen Geschmack, wirtschaftliche Erfolge und phantasiereichen Klamauk zu einer einzigartigen Verbindung verschmolz. Er spendete allen Büchernarren, natürlich vor allem den Autoren und ihren Agenten, aber auch den Buchhändlern, eine Art von Aufmerksamkeit, die sie förmlich benebelte und ein Gefühl der Übereinkunft selbst dann entstehen ließ, wenn es diese gar nicht gab. Das Zusammensein mit ihm kannte keine Langeweile.

          Nach 1982 wollte er nur noch lesen - ein frommer Wunsch

          Sofern unvermeidbar, konnte er den kühl-strategisch denkenden Unternehmer geben - aber man spürte, dass er weder einer war noch einer sein wollte. Er befasste sich nicht gerne mit Zahlen, obwohl er ein gutes Gespür für sie hatte und über das Gedächtnis eines Elefanten verfügte. Als Unternehmensführer mochten ihm Fehler unterlaufen - als zündender und zechender Vor- und Mitarbeiter seines Lektorats wirkte der Sprachakrobat so akribisch wie ein Zirkusdirektor. Mochte er auch - natürlich unter jubelndem Beifall - bei passenden und unpassenden Gelegenheiten verblüffend sportive Purzelbäume schlagen, mochte er im Kreise seiner Freunde und Gäste noch so brillieren: Alles war Teil eines sehr ernsthaften Werbens um Gefolgschaft. Er verbarg sein eisernes Pflichtgefühl hinter der Maske des Entertainers.

          Zwischen den Verlegern von heute würde sich ein Paradiesvogel wie Ledig-Rowohlt nur noch deutlicher abheben. Er, der heute vor hundert Jahren in Leipzig geboren wurde und seine wichtigsten Berufsjahre in London, Berlin, Stuttgart und Reinbek bei Hamburg verbrachte, hat schon Ende der sechziger Jahre das Heraufziehen anderer Zeiten gespürt und darüber nachgedacht, wie er sich von seinem Verlag zum richtigen Zeitpunkt lösen könne. Er wollte dann noch bei guten Kräften sein und sich endlich einmal der Lektüre ungelesener Bücher hingeben. So verkauften er und sein Bruder Harry, der sich als Übersetzer und Autor selbständig machte, 1971 einen Teil und 1982 den restlichen Verlag an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.

          Aus dem Wunsch nach einem freischweifenden Lesevergnügen wurde nicht viel: Wann immer man den angeblichen Ruheständler in seinem komfortablen Schweizer Domizil besuchte, traf man ihn, weiterhin von Papierbergen umgeben, bei einer Lektüre an, die die Programme und Autoren des Rowohlt-Verlages im Auge hatte. Bis zuletzt suchte man seinen Rat, bis zuletzt sprudelte er vor Anregungen, bis zuletzt hielt er Kontakt mit seinen Autoren. Noch 1992 nahm er an einem Verleger-Kongress in Indien teil. In einem Hotelzimmer Neu-Delhis ist er am 27. Februar des Jahres an einer Bronchitis gestorben.

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