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Die Lyrikerin Mascha Kaléko : Zur Heimat erkor sie sich die Liebe

  • -Aktualisiert am

„Ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen” - die Dichterin Mascha Kaléko (7.6.1907 - 21.1.1975) Bild: dpa

Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung: Mascha Kaléko war die Sprecherin einer neuen Generation - und geriet im Nachkriegsdeutschland in Vergessenheit. Marcel Reich-Ranicki verneigt sich zu ihrem hundertsten Geburtstag.

          Wieder ein Gedenktag? Ja, und kein überflüssiger: Am 7. Juni wäre Mascha Kaléko hundert Jahre alt geworden. Aber wer ist Mascha Kaléko? „Nennt man die besten Namen, / So wird auch der meine genannt.“ Heine behauptete das schon in seinem Erstling „Buch der Lieder“. Die Kaléko übernahm das selbstbewusste (und treffende) Wort, doch sorgte sie für angemessene Distanz: „Und nennt man die zweitbesten Namen . . .“ Leider stimmt das nur teilweise. Man musste sie oft entdecken, weil sie immer wieder in Vergessenheit geriet. Ihre frühen Erfolge und ihre sich später wiederholenden Misserfolge hatten leider überzeugende Gründe.

          Geboren wurde sie 1907 in Polen, in Galizien, in einem kleinen Ort in der Nähe einer Stadt, von der, bevor sie weltberühmt wurde, in Deutschland kaum jemand gehört hatte: Auschwitz. Als der Weltkrieg, den man dann den „Ersten“ nennen musste, ausbrach, floh Mascha Kaléko mit ihren Eltern nach Deutschland. Die Herkunft aus Galizien versuchte sie ihr Leben lang zu verheimlichen. Es ist ihr nie ganz gelungen.

          Ihre Heiterkeit ist elegisch, ihre Schwermut leicht

          Sie besuchte in Berlin das Gymnasium, das sie aber drei Jahre vor dem Abitur verlassen musste. Die Eltern konnten sich das Schulgeld nicht mehr leisten. Auch Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Günter Grass haben das Abitur nicht geschafft und blieben Autodidakten. Sie sind dennoch nicht die allerschlechtesten Schriftsteller geworden. Aber sie waren Deutsche in Deutschland. Sie schämten sich nicht ihrer Herkunft, im Gegenteil: Sie liebten Lübeck, Schlesien, Danzig.

          „Man musste sie oft entdecken” - Marcel Reich-Ranicki über Mascha Kaléko

          Mascha Kalékos Leben wurde von der Heimatlosigkeit geprägt, vom Leiden an der Unzugehörigkeit. Sie blieb überall eine Fremde: In Deutschland eine polnische Jüdin, in Israel eine deutsche Jüdin, in Amerika eine unbelehrbare Europäerin. Und in Polen? Da kannte man und kennt man nicht einmal ihren Namen. Ihr Gedicht „Die frühen Jahre“ endet: „Ein Fremdling stumm vor unerschlossenen Zonen / fror ich mich durch die finsteren Jahre.“ Ihren Sohn (geboren 1936 in Berlin) belehrt sie: „Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume, / der ewig zweigte und nie Wurzel schlug.“

          Ihr Werk, fast ausschließlich Gedichte, macht es den Kritikern, die sie ernst nehmen, schwer und den Lesern immer leicht. Sicher ist: Sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung. Das mag für viele Lyriker gelten, für Frauen zumal. Doch fällt in den Versen der Kaléko ein leiser Widerspruch auf, der sich permanent, wenn auch unaufdringlich bemerkbar macht und dieser Poesie den Reiz verleiht: Ihre Heiterkeit ist munter, aber ernst und elegisch, ihre Schwermut in der Regel ganz leicht, sogar keck und scherzhaft. Wie denn, scherzhafte Melancholie? Ja, denn sie sieht die Welt (die Formulierung stammt von Heine) mit einer lachenden Träne im Auge. Thomas Mann spricht von der „aufgeräumten Melancholie“ der Kaléko, von ihrer „wohllautend mokanten Stimme“.

          Eine Tochter Tucholskys und Kästners

          Ihre frühesten Gedichte erscheinen in den Berliner Zeitungen, gleich in den führenden, zumal im liberalen „Berliner Tageblatt“. Bald wird sie dort regelmäßig gedruckt. Sie hat sofort viele Leser und einige etwas ratlose Kritiker. Sie wissen nicht recht, wie man die Anfängerin einordnen soll. Verschiedene Namen werden vorgeschlagen: Sie käme aus der Welt von Eugen Roth, sie sei eine Tochter Christian Morgensterns, eine Schwester von Joachim Ringelnatz. Vor allem aber: Sie habe viel von Kurt Tucholsky und Erich Kästner gelernt – und das trifft am ehesten.

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