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Die Lyrikerin Mascha Kaléko : Zur Heimat erkor sie sich die Liebe

  • -Aktualisiert am

Ich gehe wieder auf Reisen
mit meiner leisen
Gefährtin, der Einsamkeit.
Wir bleiben zu zweien einsam
Und haben nichts weiter gemeinsam
Als diese Gemeinsamkeit.




Die Kaléko wird zur Sprecherin der neuen Generation, vor allem der jungen Leute: Jener, die in möblierten Zimmern wohnen, wo man keinen Besuch empfangen darf. Man trifft sich in einer Eisdiele, wo man billiger wegkommt als im Café, oder unter der Uhr am Bahnhof Zoo, um auf den Bahnsteig zu gehen: Dort darf man sich küssen, dort kann man unaufhörlich Willkommen und Abschied feiern – natürlich ohne Goethe.

Höhepunkt zum ungünstigsten Augenblick

Am schönsten sind die Paddelboot-Wochenenden auf der Havel. „Der Mond hängt wie ein Kitsch-Lampion / Am märkschen Firmament.“ Und im Fazit des Gedichts:

Von Booten flüstert’s hier und dort.
Die Pärchen ziehn nach Haus.
Es artet jeder Wassersport
Zumeist in Liebe aus.


Ihren ersten Höhepunkt erreicht die Dichtung der Mascha Kaléko um 1933. Zugleich ist es der letzte. Es erscheint „Das lyrische Stenogrammheft“, etwas später „Das kleine Lesebuch für Große“. Das ist freilich der ungünstigste Augenblick für eine jüdische Autorin. Nach 1933 kann sie nicht mehr publizieren.

Erst 1938 emigriert Mascha Kaléko nach Amerika. Sie lebt dann in Israel, vorübergehend in Deutschland und schließlich in Zürich, wo sie 1975 stirbt. Sie ist überall einsam, überall unglücklich. Nicht etwa, dass ihre Produktionskraft erschöpft wäre. Aber niemand will ihre neuen Gedichte drucken. Ihr Gedicht „Im Exil“ beginnt mit dem Heine-Vers „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ und endet: „Ich habe manchmal Heimweh, / Ich weiß nur nicht, wonach.“

Und in einem anderen Gedicht aus dieser Zeit heißt es, jede Sehnsucht nach der alten Heimat sei „Nur ein Drittel Heimweh nach dem Lande / Und zwo Drittel Heimweh nach vergangnen Jahren“.

In Israel gab es für sie keine Verleger

Von solchen Versen wollte die in New York erscheinende deutsch-jüdische Zeitschrift „Aufbau“ nichts wissen, Heimweh und Sehnsucht seien für jüdische Autoren und Leser keine zeitgemäßen Themen. Auch in Israel gab es für die deutsche Dichterin keine Verleger, keinen Leser oder gar Kritiker.

1956 kommt Mascha Kaléko zum ersten Mal nach dem Krieg nach Deutschland. 1959 soll ihr der Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste verliehen werden. Sie lehnt ab, weil der Essayist Hans Egon Holthusen, Direktor der Sektion für Dichtung der Akademie und zugleich Mitglied der Jury des Fontane-Preises, mehrere Jahre in der SS war.

Das Versäumnis des Literaturbetriebs

Als zwei Jahre später Holthusen seinen Posten in der Akademie aufgegeben hatte, wurde ihr, anders als man es erwartet hatte, der Preis nicht noch einmal angeboten. Sie hat nie einen deutschen Literaturpreis oder eine andere Auszeichnung erhalten. 1960 schreibt ihr der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann: „Ich persönlich sehe nicht ein, warum Sie den Literaturpreis der Stadt Berlin nicht annehmen konnten, trotz der Gründe, die Sie angeben . . .“ Vermutlich meinte Goldmann, dass deutschsprachige jüdische Autoren, die in jenen Jahren keine Chancen hatten, außerhalb der Bundesrepublik zu publizieren, die ihnen angebotenen Möglichkeiten, am deutschen literarischen Leben teilzunehmen, nicht leichtsinnig verwerfen sollten. Man darf nicht vergessen, dass damals in der Bundesrepublik in nahezu allen großen Zeitungen, Verlagen und ähnlichen Institutionen ehemalige Mitglieder der NSDAP und ihrer Formationen arbeiteten.

Der überraschendste an Mascha Kaléko gerichtete Brief, der in ihrem Nachlass im Literaturarchiv in Marbach gefunden wurde, stammt von Martin Heidegger. Sie hatte den Philosophen im Frühjahr 1959 in Berlin kennengelernt. Ich zitiere, ohne zu kommentieren: „Eine große Freiheit und ruhige Sicherheit ist in Ihren Versen. Ihr ,Stenogrammheft‘ sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“

Es wäre eine schöne Fügung gewesen: Dieser Essay zum Hundersten von Mascha Kaléko hatte am 2. Juni 2007, just an Marcel Reich-Ranickis siebenundachtzigstem Geburtstag, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Aufmacher der Samstagsbeilage „Bilder und Zeiten“ erscheinen sollen. Der langfristige Streik im Rahmen der Tarifauseinandersetzungen in der Druckindustrie verhinderte, dass die Beilage wie gewohnt erscheinen konnte. Jetzt soll sie am Freitag, 8. Juni, beiliegen.

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