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Die Lyrikerin Mascha Kaléko : Zur Heimat erkor sie sich die Liebe

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Die Ursache dieses geradezu verblüffenden Erfolgs liegt auf der Hand. Es ist die Authentizität ihrer Lyrik, genauer: deren authentische Naivität. Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Vermutlich hat die Kaléko nie anders dichten wollen, sie hätte es wohl auch gar nicht gekonnt. Aufs natürlichste verbindet sie trockene, ironische, gewissermaßen augenzwinkernde Sentimentalität mit pfiffiger, etwas zynischer Ernüchterung. Das ergibt sehr rasch und ganz ohne Umstände eine neuartige Großstadtlyrik.

Sie fixierte in ihren Versen Berliner Lebensgefühl, gewürzt, begründet und vor allem veranschaulicht mit Beobachtungen des Alltags. Mehr noch: Diese Gedichte sind Identifikationsangebote aus weiblicher Sicht, die gleichwohl von männlichen Lesern dankbar angenommen wurden. Von Mascha Kaléko konnten sie erfahren, wie es auf der anderen Seite aussieht.

Was sie schrieb, wurde in ganz Berlin genossen

Damals, Ende der zwanziger Jahre, ist man der dunklen, vor Metaphern strotzenden und für die meisten Leser schwer verständlichen Poesie, kurz: des Expressionismus längst überdrüssig. Die Kaléko spottet mild: „Was man nicht verstehen kann, / das hört sich leicht nach Dichtung an.“ Den großen zeitgenössischen Poeten wirft sie vor: „Die fühlen alle mit dem Gehirn.“

Der Germanist Kästner und der Jurist Tucholsky suchten in jenen Tagen (als Lyriker, versteht sich) ebenfalls Zuflucht bei der Naivität. Aber es war, wenn man so sagen darf, Unmittelbarkeit und Naivität nach der erfolgreichen Promotion. Die Kaléko landete nicht bei der Naivität, sie ging von ihr aus. Im Gedicht „Kein Neutöner“ findet sich ihr Bekenntnis:

Gehöre keiner Schule an
Und keiner neuen Richtung,
Bin nur ein armer Großstadtspatz,
Im Wald der deutschen Dichtung.
Weiß Gott, ich bin ganz unmodern.
Ich schäme mich zuschanden:
Zwar liest man meine Verse gern,
Doch werden sie – verstanden.






Dass ihre Gedichte so klar und einfach sind, das eben bewirkte ihre enorme Beliebtheit. Und deshalb konnten sie sofort vom Berliner Kabarett aufgegriffen werden, auch von den berühmtesten Diseusen. Kabarettistisch sind ihre (das Billige nicht immer meidende) Pointen und ihre pfiffigen, ihre überraschenden Reime. Alle literarischen Formen waren der Kaléko recht: Songs und Chansons, Balladen und Moritaten, Couplets und Parodien. Was sie schrieb, wurde in ganz Berlin genossen, doch vor allem, glaube ich, am Kurfürstendamm und an der Gedächtniskirche. Susanne Beyer hat sie unlängst im „Spiegel“ die „Bänkelsängerin der Moderne“ genannt.

Jedoch: Dass Mascha Kaléko keiner Richtung und keiner neuen Schule angehörte, mag sie selber geglaubt haben. Doch die Kritiker hatten ihr ihren Platz in der Literaturgeschichte schon zugewiesen. Wie einst Else Lasker-Schüler unter den Poeten des deutschen Expressionismus die einzige weibliche Stimme war, so wurde die Kaléko die einzige Frau unter den Autoren der jetzt modernen Gegenbewegung: der „Neuen Sachlichkeit“.

Liebe als Notlösung

Ich bin gar nicht sicher, ob die junge Kaléko diesen vagen Begriff kannte. Immerhin musste ihr gefallen, dass mit der programmatischen Hinwendung der „Neuen Sachlichkeit“ zu inhaltlichen Elementen und zum Alltag der Expressionismus endgültig abgelöst werden sollte. Was die Kaléko für alltägliche Wirklichkeit hielt, sagte sie wiederholt in ihren frühen Gedichten: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“. Liebe also als Notlösung. Und die Konsequenz: „Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen. / Ob alle Liebenden so einsam sind?“ Liebe und Einsamkeit – das sind die Leid- und Leitworte dieser Dichtung:

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