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Zum Gedenken an Thomas Mann : Deutschlands Glück in Deutschlands Unglück

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Die Zeit ist reif, den großen Mann zu ehren: Marcel Reich-Ranicki in Lübeck Bild: AP

Längst gilt die Prosa Thomas Manns nicht mehr als hoffnungslos veraltet. im Gegenteil: Alle wichtigeren deutschen Prosadebütanten der letzten Jahre sind ihm eindeutig verpflichtet. Marcel Reich-Ranickis Lübecker Festrede zum Gedenken an Thomas Mann.

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          Dies ist ein großer Tag für mich und zugleich, ich bin dessen sicher, für viele der hier Anwesenden. Das habe ich mir nie träumen lassen - daß ich in der Lübecker Marienkirche, in der Thomas Mann getauft und konfirmiert wurde, über ihn aus Anlaß seines fünfzigsten Todestags werde sprechen dürfen.

          Wer bin ich, daß ich das Wort führen soll zu seinem Preis, in wessen Namen tue ich es hier? Die Antwort ist einfach: Ich spreche als einer jener Leser, die in seinen Büchern ihre Not, ihr Elend und auch ihr Glück wiedergefunden haben. Seit ich als Halbwüchsiger "Tonio Kröger" gelesen habe, bewundere ich Thomas Mann, seit ich sah und erkannte, daß er mit seiner Existenz, wie einst Goethe, den Begriff "Deutschtum" neu definierte, verehre ich ihn wie keinen anderen Autor des zwanzigsten Jahrhunderts, ja vielleicht wie keinen anderen seit 1832.

          Aber es ist nicht nur eine große Ehre, ihn hier feiern zu dürfen, es ist auch eine höchst schwierige Aufgabe. Denn über ihn ist, so will es scheinen, schon alles gesagt worden, und es ist zu einem Teil auch gut gesagt worden. Kein deutscher Schriftsteller hat bei seinen Landsleuten in dem halben Jahrhundert nach seinem Tod ein vergleichbares Echo gefunden. Wirklich keiner? Auch Goethe nicht?

          Was zu Goethes Lebzeiten begann, hat nie ganz nachgelassen: Die Attacken gegen ihn paraphrasierten, was schon die Romantiker und die Sprecher des Jungen Deutschland gegen ihn vorzubringen hatten. Nahezu jede neue literarische Generation versuchte, sich von ihm zu distanzieren oder sich gar in der Meuterei gegen ihn zu profilieren. Während Goethe offiziell nach wie vor als höchster Repräsentant der deutschen Literatur galt, war ein beträchtlicher Teil seines Werks unverkäuflich. Noch um 1910 konnte man die Erstausgabe der "Wahlverwandtschaften" zum Originalpreis erwerben. Auch die Erstausgabe des "West-östlichen Divans" war noch im zwanzigsten Jahrhundert keineswegs vergriffen. Die Bühnenwerke Goethes wurden nur selten aufgeführt, jedenfalls ungleich seltener als die Dramen Schillers.

          Der 1882 fällige fünfzigste Todestag Goethes war kein nationales Ereignis. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war der Autor, von dem man mittlerweile kaum mehr als den "Faust" und eine Anzahl wunderbarer Gedichte kannte, ein zwar viel zitierter und viel gesungener und auch besungener, doch dem großen Publikum kaum bekannter Dichter.

          Darf man das Echo auf Goethe innerhalb des halben Jahrhunderts nach seinem Tod mit jener Resonanz vergleichen, die in den letzten fünf Jahrzehnten Thomas Mann zuteil wurde? Die übermächtige Gestalt Goethes hatte den Protest der nachfolgenden literarischen Generation geradezu herausgefordert. Der Revisionsprozeß hat einiges zur Klärung beigetragen, doch im Ergebnis, von heute her gesehen, nicht viel geändert. Eines ist sicher: Nicht die Attacken, mit denen ein genialer Dichter in den Jahrzehnten nach seinem Tod bedacht wird, gefährden dessen Nachruhm, sondern weit eher das Ausbleiben solcher Attacken oder gar die stumme Gleichgültigkeit. Thomas Mann hatte in dieser Hinsicht keinen Anlaß zu Klagen.

          1973 hielt ich es sogar für richtig, öffentlich und mit Nachdruck die Renaissance seines Werks zu rühmen. Unter Brüdern und ganz vertraulich: Ich habe stark übertrieben. Was ich als Befund ausgegeben hatte, war nur mein Wunsch und meine Hoffnung. Doch schien mir dies in den frühen siebziger Jahren dringend nötig: Von der älteren Generation der damals lebenden Schriftsteller wurde Thomas Mann bekämpft, von der mittleren verworfen und von der jüngeren ignoriert.

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