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Schriftsteller Murakami : Was gibt es jenseits der Tagseite unserer Existenz?

Der Siebzigjährige, der über, aber ungern in Japan schreibt: Schriftsteller Haruki Murakami. Bild: dpa

Wandler zwischen den Welten: Der Schriftsteller Haruki Murakami wird siebzig Jahre alt. Noch immer wartet die Welt auf den Nobelpreis des Autors, der englisch und traditionell zugleich zu schreiben scheint.

          Nun ist es doch einmal an der Zeit, es zu erzählen: DuMont, Haruki Murakamis deutscher Verlag, hat schon im Jahr 2006 T-Shirts anfertigen lassen, die die Verleihung des Literaturnobelpreises an den japanischen Schriftsteller verkünden. Sie wären dann auf der Frankfurter Buchmesse verteilt worden. Und seit damals ist Murakami jedes Jahr wieder als Favorit gehandelt worden, doch dass er die Auszeichnung jemals erhalten wird, ist zweifelhaft, selbst wenn der zuletzt nach diversen Skandalen rund um die verleihende Schwedische Akademie ausgesetzte Nobelpreis in diesem Jahr wieder in die Spur zurückfinden sollte. Denn der bislang letzte Preisträger war 2017 Kazuo Ishiguro, und damit dürfte nach den in Stockholm gängigen Proporzerwägungen zunächst kein Japaner mehr in Frage kommen – auch wenn Ishiguro britischer Staatsbürger ist und auf Englisch schreibt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In gewisser Weise ist aber auch Murakami ein englischer Schriftsteller, denn in dieser Sprache fand er zu seinem Stil. In einer Erinnerung an seine Anfänge erzählt er über die Schwierigkeiten, die ihm sein Debüt „Wenn der Wind singt“ (1979) bereitet habe. Den ersten Entwurf sah er als gescheitert an: „Junge, Junge, dachte ich verzagt. Was soll ich jetzt damit machen? Es hatte zwar ungefähr die Form eines Romans, las sich aber weder interessant noch erweckte es in mir den Wunsch, es zu Ende zu lesen.“ Als begeisterter Leser von Romanen in englischer Sprache versuchte Murakami daraufhin, seine Geschichte auf Englisch zu schreiben, das er aktiv angeblich noch gar nicht besonders gut beherrschte. „Damals entdeckte ich, dass man auch mit einer geringeren Anzahl von Wörtern und Wendungen Gefühle und Wünsche zum Ausdruck bringen kann, sofern es einem gelingt, sie wirkungsvoll zu verbinden und diese Kombinationen effektiv einzusetzen. Es ist, mit anderen Worten, nicht nötig, komplizierte Sätze aneinanderzureihen. Und es bedarf erst recht keiner blumigen Ausdrucksweise, um andere Menschen zu beeindrucken.“

          Stimmungspräsizison statt Experimentieren

          Dieses selbst ganz einfach formulierte und scheinbar simple Rezept ist das Geheimnis von Murakamis Erfolg. Nicht, dass er seine Bücher tatsächlich auf Englisch geschrieben hätte, aber die japanische Fassung des ersten Romans beruhte auf dem Versuch, den Tonfall der englischen Version zu treffen, als „freie Anverwandlung“, wie Murakami es nennt. Und seine Romane schreibt er heute nur noch im Ausland, obwohl ihre Handlungen meist in Japan angesiedelt sind. Das Befremdungsgefühl treibt Murakami zu einer möglichst klaren Sprache, die dann wiederum leichter, als es sonst für japanische Literatur mit ihrer großen formalen Tradition gilt, zu übersetzen ist. Darauf beruht der internationale Siegeszug dieses „westlichsten“ aller japanischen Schriftsteller. Im Grunde genommen ist Murakami als Autor sogar mehr Engländer als Ishiguro – qua literarischem Geburtsrecht.

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