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Zum 250. Geburtstag von Jean Paul : Der Meister der allerschönsten Aufunddavonschweifungen

So gut wie alles, was durch diesen Kopf ging, wurde Literatur: Denkmal des Dichters in Bayreuth Bild: dpa

Verspielt und buchverrückt, ein Dauerexperiment: Vor zweihundertfünfzig Jahren kam Jean Paul zur Welt, der wundervollste aller deutschen Klassiker. Er verdient heute mehr als das Interesse der Gelehrten.

          Man lobt seinen großen Wortschatz, seine Wortfunde, seine Worterfindungen. Er ist, heißt es über Jean Paul, derjenige deutsche Schriftsteller, für den Leben und Schreiben am wenigsten zu trennen gewesen seien. 40.000 Seiten Nachlass, 12.000 Seiten Exzerpte. Man bewundert, dass seine Romane ausstellen, romanhaft zu sein, etwa indem in ihnen der Autor oft selbst vorkommt, oder ein Autor, der unter seinem Pseudonym bekannt ist, aber unbekannt mit seinem wirklichen Namen, so dass er sich mit diesem in „Dr. Katzenbergers Badereise“ (1809) als ein pseudonymer Pseudonymer offen unter den Leuten bewegen kann. Oder es hat in den „Flegeljahren“ (1804) einer der beiden Helden ein Buch geschrieben, das tatsächlich Jean Paul geschrieben hat, während der andere Held Streckverse publiziert - eine Form, die es nur bei Jean Paul gibt -, und beide im Roman - aber wo auch sonst? - gemeinsam einen anderen schreiben, der „Hoppelpoppel oder Das Herz“ heißen soll.

          Derlei Spiegelungen, Zirkel und Salti werden ebenso verehrt wie Jean Pauls Abschweifungen, die am liebsten Aufunddavonschweifungen gewesen wären, weil zum Erzählstrang zurückzukehren - „in drei Minuten bin ich wieder bei der Geschichte“ - ihm meistens lästig war. Aber natürlich kann man nur abschweifen, wenn man eine Linie hat. Doch was für eine Linie denn? Niemand kann die Handlung eines Romans von Jean Paul oder auch nur die ersten hundert Seiten des „Titan“ (1800) komplett nacherzählen. (Na gut, Norbert Miller kann es, der Herausgeber der herrlichen, lebensbegleitenden Werkausgabe, aber das beweist, wie jedes Wunder, gar nichts.)

          Ein Superrealist vor seiner Zeit

          Oh, heißt es darum, dann war Jean Paul der erste Hyptertext-Schreiber! Dass er dann auch der erste Postmoderne gewesen sein muss und sein Werk voller Verfremdungseffekte, „wie im epischen Theater“, weil es ständig kommentiert, was es tut, und damit sein Gemachtsein betont, versteht sich, jedenfalls dort, wo erste Assoziationen auch die letzten literaturhistorischen Analogien sind.

          Hinter diesem Lob steckt die Vorstellung, dass die schöne Unordnung der Romane Jean Pauls unserer Wirklichkeit angemessen sei, in der auch alles gleichzeitig stattfindet, unklar ist, was die Ursachen und was die Effekte sind, und ob die Subjekte durch die Objekte oder diese durch jene ihre scheinbare Festigkeit gewinnen. Jean Paul wäre dann eine Art Superrealist, bei dem das Ganze weniger ist als die Summe seiner Teile.

          Das alles trifft - bis auf den Vergleich mit dem epischen Theater, mit dem Jean Paul, der weder die Gesellschaft noch den Roman durchschaubar machen wollte, nichts gemeinsam hat -, das alles trifft zu. So ist Jean Paul. Verspielt und buchverrückt, ein Dauerexperiment, wie viele gekoppelte Substantive man in einem einzigen deutschen Satz unterbringen kann, eine vorweggenommene Sonderausschüttung des Grimmschen Wörterbuchs. Eine verzettelte Enzyklopädie auch, in der kein Stichwort mehr an seinem Ort ist, voll von einem „wirren Plunder von naturkundlichen Bemerkungen, den die Tüftelei in friedlichem Zusammenwirken mit der Ausschweifung zum Spielzeug der Laune zusammentrug“, wie Max Kommerell im glühendsten aller Jean-Paul-Bücher formuliert.

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