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Zum 200. Todestag : Verstehen Sie Kleist, Herr Matthes?

Bild: Burkhard Neie/xix

Wir treffen Ulrich Matthes in heiterer Stimmung auf der Wannseebrücke, die den Übergang von Kleists letztem Nachtquartier zu seinem Grab ermöglicht. In der klaren, sonnigen Novemberkälte folgen wir Kleists rätselhaften letzten Spuren.

          Sagen Sie mal, Herr Ebbinghaus: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet mit mir hier über Kleist zu sprechen?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Jubiläumsjahr 2011 müssen nur ganz wenige Deutsche Kleist wirklich zu verstehen versuchen. Sie als Schauspieler, der mit einem Kleistabend unterwegs ist, sind einer davon. Ich würde gern erfahren, wie Sie sich Kleist im Spiegel seiner Texte und mit Ihrer schauspielerischen Intuition annähern.

          Versuchen wir’s mal.

          (Wir gehen hinab zu der Freifläche, die vor zweihundert Jahren zu „Stimmings Krug“ gehörte. Hier stieg Kleist am 20. November ab.)

          Wann sind Sie Kleist zum ersten Mal bewusst begegnet?

          Während meines Germanistikstudiums. Ich erinnere mich an eine Zwischenprüfung über den „Prinzen von Homburg“ an der FU. Und ich weiß auch noch, dass mein Entschluss, Schauspieler statt Lehrer zu werden, in diese Zeit fiel. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass meine intuitive Seite in diesem Studium viel zu kurz kommt.

          Wie war es, mit Kleist auf der Bühne zu stehen?

          Die erste und einzige wirkliche Begegnung auf der Bühne hatte ich unglücklicherweise sehr früh. Außer bei meinem Kleistabend, der auf den Briefen beruht, habe ich Kleist nur als Anfänger gespielt: 1984 den „Homburg“, in Krefeld. Jürgen Gosch hatte allerdings, daran erinnere ich mich zu gern, einmal die verrückte Idee, die „Penthesilea“ mit mir zu machen - ich in der Titelrolle. Zuerst habe ich gekichert, als er das vorschlug. Dann fand ich die Vorstellung aber doch unglaublich aufregend. Ich vermisse ihn sehr.

          Was hätte Sie daran gereizt?

          Na, der Aberwitz dieser Rolle, der Furor! Das ist so eine Aufgabe, in der man als Schauspieler wirklich über sich hinausmuss. Und selbst das genügt im Grunde nicht.

          Fällt es schwer, eine Körperlichkeit für Kleists Sprache zu finden?

          Natürlich! Manchmal denke ich aber auch, dass die totale Reduktion eine Möglichkeit ist, dieser Sprache nahe zu kommen. Man kann auch einfach auf einer leeren Bühne stehen und sich damit begnügen, Kleists Gedanken zu denken. Edith Clever hat das in den achtziger Jahren mit Hans Jürgen Syberberg gemacht. Dieser Versuch einer rein sprachlichen Bewältigung hatte etwas Schlagendes. Das geht so reduziert natürlich nur mit „Penthesilea“, bei allen anderen Stücken wäre es fatal, sie sind für Körper geschrieben

          Wie spricht man Kleist?

          Na ja, Kleist war ja kein Alien. Es ist ja immerhin Deutsch. Es ist aber paradox: Einerseits fällt einem seine Sprache leicht, weil sie so extrem musikalisch ist, andererseits stellt sie durch dieses Vorwärtsdrängen, das immer wieder Parataktische, eine hohe Herausforderung dar. Wobei es ein Credo von mir ist, das Fremde von Autoren und von Figuren mir nicht mit so einer Art von selbstverständlicher Zeitgenossenschaft einzuverleiben. Mich reizt es, den Abstand zwischen mir und einer Figur ganz vorsichtig kleiner werden zu lassen. Manchmal muss ich bei meinem Kleistabend direkt an mich halten, dass ich mich nicht zu stark identifiziere.

          Ein Beispiel?

          Immer wieder gibt es den Versuch bei ihm, sich in irgendeiner Weise mit dem, was innerlich in ihm brodelt, der Welt zu präsentieren, zu sagen: Schaut her, das bin ich, nehmt es wahr, reagiert darauf, ich biete es euch an. Darin finde ich mich als Schauspieler wieder.

          Kleists anhaltende Erfolglosigkeit ist sehr berührend. Seine vergeblichen Versuche, unterzukommen, erinnern fast an die heutige Generation Praktikum.

          Ja. Er scheitert mit fast allem in kürzester Zeit - und schmeißt sich wieder mit unglaublichem Furor in das nächste Projekt hinein, egal, ob er Bauer werden will oder eine Zeitschrift zum Erfolg führen. Ich glaube, er war ein Nerd in heutigem Sprachgebrauch. Wahrscheinlich hätten wir gesagt: Kinder, so richtig sympathisch ist der aber nicht.

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