https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/zum-100-todestag-komik-in-marcel-prousts-recherche-18454910.html

100. Todestag von Marcel Proust : Sein Werk ist ein unaufhörliches Lachen

Man muss lange suchen, um in der Proust-Ikonographie ein Bild zu finden, das Heiterkeit ausstrahlt: der Schriftsteller mit Bürstenhaarschnitt als Zweiundzwanzigjähriger, 1893. Bild: Getty

Dass „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ein langer, komplexer Roman ist, weiß jeder. Weniger bekannt ist Marcel Prousts humane, Welten umspannende Komik.

          8 Min.

          Marcel Proust ist vielleicht der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.“ Das Wort „vielleicht“ im Eröffnungssatz von Jean-Yves Tadies Proust-Studie (1983) lässt das Heikle ahnen, das solch vollmundigen Urteilen eigen ist. Wer könnte schon sagen, wer der Größte des Jahrhunderts ist, ohne alles gelesen zu haben? Schriftsteller, Philosophen, Künstler und Künstlerinnen haben die Singularität Prousts bezeugt und dabei oft ein anrührend persönliches Moment erkennen lassen. Der Diplomat Olof Lagercrantz leitet sein Buch „Marcel Proust oder Vom Glück des Lesens“ mit den Sätzen ein: „Die Gegenwart mit ihren Umwälzungen war, so schien es mir, klarer für mich, als ich Proust an meiner Seite hatte. Jetzt, wo ich ihn verlasse, fühle ich mich wie ein verirrtes Kind.“

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Mehr als bei anderen literarischen Geschmacksurteilen gehört die Proust-Liebe offenbar nicht so sehr der Privatbibliothek an als dem Kern des eigenen Lebens. An die Umstände, unter denen sie erworben wurde, erinnert man sich immer – niemand liest Proust nebenbei –, und im Lauf der Jahre verzahnen sie sich immer stärker mit der Substanz des lesenden, sich erinnernden Ichs. Vielleicht liegt darin sogar die wahre Ursache für den Kultstatus, den Proust heute, hundert Jahre nach seinem Tod, ge­nießt: Kein anderer Roman außer „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ bringt uns dazu, die eigene Vergänglichkeit – Altern und Verfall, aber auch Einsicht und Hinnahme, um nicht von Erkenntnis zu reden – bei jeder neuen Lektüre mit gesteigerter Intensität mitzulesen. Die Jahresringe, die der „Recherche“ im Lauf der Zeit unaufhörlich zuwachsen: Es sind unsere eigenen.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Hat Microsoft hier bald ausgedient? Ein Amt in Deutschland

          Excel, Word und Teams : Droht Microsoft-Software das Aus?

          Die Software von Microsoft ist allgegenwärtig in den deutschen Büros. Doch Datenschützer würden das gern ändern. Ihre Bedenken kann der Konzern nicht ausräumen.