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Zu Gast in Neuseeland : Wir leben doch alle am Rand des Universums

Das neugeborene Wappentier einer noch immer jungen Nation: Ein Kiwiküken namens Nick, ausgebrütet im Zoo von Auckland und Mitten im September aus dem Ei geschlüpft Bild: dapd

Mehr Schafe als Einwohner, putzige Vögel und coole Surfer - das sind die Klischees. Neuseelands reale literarische Vielfalt wird die Frankfurter Buchmesse zeigen. Vorab eine Reise ans andere Ende der Welt.

          12 Min.

          Wer mit dem Flugzeug in Wellington landet, der Hauptstadt Neuseelands, wurde viele Jahre mit den Worten „Welcome to Middle-Earth“ begrüßt. Inzwischen hat man die große Tafel abmontiert, Tolkiens „Herrn der Ringe“ entgeht man trotzdem nicht. Es reicht, einen Blick in die sattgrüne Buschlandschaft aus Mamaku-Farn, Eiskraut und knorrigen Teebäumen zu werfen, um sich im Kino zu wähnen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als Peter Jackson 1999 mit der Verfilmung der „Ring“- Trilogie begann, war halb Neuseeland daran beteiligt. Der Staat finanzierte Teile der Produktion, die Armee baute Straßen, und Zehntausende Kiwis spielten bei den Massenszenen mit. Heute, so schätzt man, bringt das Filmepos dem Land jährlich drei Milliarden Euro Gewinn ein. Dabei hatte der Brite J.R.R. Tolkien nie einen Fuß auf neuseeländischen Boden gesetzt, das Land ist nur die Kulisse für den Film.

          „Vergiss Mittelerde“, sagt Lucy, als sie mich am Flughafen abholt, und schüttelt energisch ihre schwarzen Locken: „Mit Hobbits, Elben und Orks haben wir hier nichts am Hut.“ Über Touristen, die in den Hügeln Wellingtons auf die Knie fallen, nur weil ein berühmter Schauspieler an der Stelle womöglich ein Sandwich verzehrte, lachen sie und ihre Freunde nur.

          In sehr großer Entfernung

          Die Lyrikerin begleitet mich auf meiner Reise durch Neuseeland. In ihrem Hauptberuf arbeitet Lucy für das neuseeländische Kultusministerium. Damit lebt die junge Frau eine typische Kiwi-Biographie. Denn Neuseeland ist zwar - ganz ähnlich wie Island, das letztjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse - eine begeisterte Lesenation. Doch nur die wenigsten Autoren können allein vom Schreiben leben. Mehrere Jobs zu haben oder den Tätigkeitsbereich zu wechseln ist aber auch in anderen Branchen nichts Ungewöhnliches. Man verlässt geordnete Bahnen, um sich umzuorientieren. Sich neu zu erfinden scheint in dem jungen Land wesentlich einfacher zu sein als bei uns.

          Noch ehe sich der erste Jetlag-Nebel lichtet, dämmert mir, dass Neuseeland um einiges fremder ist, als ich vor meiner Abreise ahnte. Aller Globalisierung zum Trotz merke ich, dass nicht nur achtzehntausend Kilometer zwischen uns liegen. Es sind Welten. Aber wie sollte es auch anders sein? Was kann man wirklich wissen über das ferne Land? Von uns aus gibt es keinen entfernteren Flecken als das pazifische Inselreich mit seinen zwei großen und siebenhundert kleinen Inseln.

          Neuseeland ist eine der abgelegensten Landmassen der Erde und wurde als letzte besiedelt, vor zwölfhundert Jahren, als Polynesier mit ihren Wakas hierherruderten. Die britischen Kolonialisten, die sich vor zweihundert Jahren in Massen aufmachten in die terra nova am anderen Ende der Welt, waren noch immer hundert Tage mit dem Schiff unterwegs. Heute schafft man die Strecke mit dem Flugzeug in fünfunddreißig Stunden, inklusive zweier Zwischenstopps.

          Kunst, Literatur und Familie

          Jeder, der den beschwerlichen Flug auf sich nimmt, wird aufs herzlichste dafür entschädigt. Denn die Gastfreundschaft im „Land der Langen Weißen Wolke“ ist überwältigend. Die Neuseeländer öffnen ihre Häuser, sogar die bisweilen durchaus scheuen Schriftsteller, die bald alle in Frankfurt auf der Buchmesse ihre Bücher vorstellen werden, laden eine fremde Journalistin zu sich ein. Da sitze ich dann in der Millionenstadt Auckland bei Emily Perkins auf der Couchette.

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